MEINUNGDISKUSSIONSPAPIERAUTOINDUSTRIE
Bis zu 500.000 Arbeitsplätze in Gefahr
Wie die Krise der Autoindustrie Zulieferer, Regionen und die Kaufkraft vor Ort mitreißt und warum die offiziellen Abbauzahlen nur die Spitze des Eisbergs zeigen.
Von Andreas W. Herb, CEO MBG Group, Paderborn
10 Minuten Lesezeit36 Quellen0 KorrekturenOffenlegung
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Inhalt und Unterlagen
| Zahl | Bedeutung |
|---|---|
| 691.500 | Beschäftigte Mitte 2026, Tiefstand seit 2005[1] |
| −142.400 | Jobs seit 2019, jeder sechste[3] |
| bis 200.000 | weitere direkte Jobs in rund fünf Jahren[6] |
| bis 500.000 | einschließlich Folgejobs in Handel, Handwerk und Gastronomie |
Das Wichtigste in fünf Sätzen
Seit 2019 ist jeder sechste Arbeitsplatz in der deutschen Autoindustrie verschwunden, und das Tempo hat sich zuletzt mehr als verdreifacht.[3][26]
Je nach Studie fallen bis Anfang der 2030er Jahre weitere 125.000 bis 200.000 direkte Stellen bei Herstellern und Zulieferern weg.[5][6]
Nach deutschen Daten kostet jede abgebaute Industriestelle ihre Region langfristig etwa eine bis zwei weitere. Mit diesen Folgejobs stehen 250.000 bis 500.000 Arbeitsplätze im Feuer.[16][35]
Den betroffenen Regionen fehlen dadurch jedes Jahr bis zu rund 21 Milliarden Euro Netto-Kaufkraft, beim Bäcker, im Autohaus, im Restaurant und im Handwerk.
Es trifft nicht ganz Deutschland gleich, sondern 116 Autokreise mit voller Wucht, und mit ihnen deren Kommunalhaushalte.[12]
1. Was bereits verloren ist
Ende Juni 2026 arbeiteten in der deutschen Automobilindustrie noch 691.500 Menschen, so wenige wie nie seit Beginn der vergleichbaren Statistik im Jahr 2005.[1] Innerhalb eines einzigen Jahres fielen 42.300 Stellen weg, ein Minus von 5,8 Prozent. Keine andere große Industriebranche mit mehr als 200.000 Beschäftigten verliert so schnell Arbeitsplätze.[1] Seit 2019 summiert sich der Verlust auf rund 142.400 Jobs. Jeder sechste Arbeitsplatz ist weg.[3]
Am härtesten trifft es die Zulieferer. Bei den Herstellern von Teilen und Zubehör sank die Beschäftigung binnen eines Jahres um 7,6 Prozent.[1] Seit 2019 ist dort fast jede vierte Stelle verschwunden.[2] Und das Tempo zieht an: Zwischen 2019 und 2024 gingen im Schnitt rund 12.000 Jobs pro Jahr verloren, seit 2024 sind es rund 41.000 pro Jahr.[26][1]
| Bereich | Beschäftigte Mitte 2026 | Veränderung zum Vorjahr |
|---|---|---|
| Autohersteller (Kraftwagen und Motoren) | 429.200 | −6,1 % |
| Zulieferer von Teilen und Zubehör | 219.500 | −7,6 % |
| Karosserien, Aufbauten, Anhänger | 42.800 | +10,0 % |
| Automobilindustrie gesamt | 691.500 | −5,8 % (−42.300) |
Quelle: Statistisches Bundesamt.[1]
Beschäftigte in der Automobilindustrie: Ist-Werte und zwei Prognosepfade
In Tausend
Ist-Werte: EY[26][2] und Destatis[1]. Roland-Berger-Pfad: Rückgang auf rund 490.000[6]. VDA-Pfad: weitere 125.000 Stellen bis 2035[5], fortgeschrieben auf den Destatis-Stand. Eigene Darstellung. Grafik aus den Zahlen des Textes neu gezeichnet.
Grenzen der Daten: Die beiden letzten Werte sind Prognosepfade, keine Ist-Werte.
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Datentabelle anzeigen5 Zeilen
| Beschäftigte (Tsd.) | |
|---|---|
| 2019 | 833 |
| 2025 | 725 |
| Mitte 2026 | 691,5 |
| 2030 (Roland-Berger-Pfad) | 490 |
| 2035 (VDA-Pfad) | 566 |
2. Warum das keine Delle ist
Wer auf die nächste Erholung hofft, verkennt die Lage. Die Ursachen sind strukturell, und sie verstärken sich gegenseitig:
China bricht weg. Im zweiten Quartal 2026 brachen die Verkäufe von BMW und Mercedes-Benz in China um jeweils rund 30 Prozent ein, beim VW-Konzern um mehr als ein Drittel.[10][27][28] Der operative Gewinn der drei Konzerne sank im ersten Halbjahr 2026 zusammen um 19 Prozent auf 13 Milliarden Euro.[11] EY erwartet nicht, dass der Export nach China zurückkommt; Märkte wie Indien oder Südamerika können die Lücke bei weitem nicht schließen.[2]
Die Produktion wandert ab. 2014 liefen in Deutschland 5,6 Millionen Autos vom Band, 2024 waren es noch knapp 4,1 Millionen.[12]
Der Antrieb ändert sich. Ein Elektroauto braucht weniger Teile und weniger Arbeit als ein Verbrenner. Das trifft vor allem die Zulieferer.[5] Noch immer arbeiten rund 235.000 Menschen in Tätigkeiten rund um den Verbrennungsmotor.[12]
Der Standort ist zu teuer. Neue Arbeitsplätze der Transformation entstehen laut VDA zunehmend im Ausland, weil die Bedingungen in Deutschland nicht mehr reichen.[5]
Die Zulieferer gehen in die Knie. Von Anfang 2024 bis Mitte 2026 wurden 333 Insolvenzverfahren bei Autozulieferern eingeleitet. Zwischen 2023 und 2025 gingen bei den Zulieferern rund 35.800 Arbeitsplätze verloren, etwa 13 Prozent.[9]
3. Was noch kommt: die Prognosen
Alle seriösen Analysen zeigen in dieselbe Richtung. Sie unterscheiden sich nur darin, wie schnell und wie tief der Einschnitt wird.
| Studie | Erwarteter weiterer Abbau | Zeitraum | Einordnung |
|---|---|---|---|
| VDA (Branchenverband) | rund 125.000 weitere Stellen, 225.000 seit 2019[5] | bis 2035 | eher vorsichtig |
| Roland Berger | mindestens 200.000 Stellen, auf rund 490.000 Beschäftigte; rechnerisch mindestens fünf Werke zu viel[6] | bis 2030 (laut manager magazin bis 2031[7]) | eher hart |
| Strukturstudie Baden-Württemberg (e-mobil BW) | bis zu 66.000 im Autocluster BW; bis 2040 bis zu 154.500 (progressives Szenario)[23][33] | bis 2030 / 2040 | nur ein Bundesland |
| Fraunhofer IAO | bis zu 726.000 von 1,6 Mio. Jobs im europäischen Antriebsstrang (−45 %)[8] | bis 2040 | Europa, strengstes Szenario |
Der VDA rechnet mit Daten der Bundesagentur für Arbeit für alle Betriebe der Branche (2019 rund 958.000, 2023 rund 911.000 Beschäftigte); seine Abbauzahlen sind daher nicht eins zu eins mit den Destatis-Werten vergleichbar, die nur Betriebe ab 50 Beschäftigten zählen.[25]
Bemerkenswert: Der VDA hat seine eigene Prognose von 2024 bereits um 35.000 Stellen nach oben korrigiert. Der Abbau verläuft schneller als selbst die Branche erwartet hat.[5] Roland Berger gliedert den Abbau nach Funktionen: rund 90.000 direkte Stellen, 95.000 in indirekten Funktionen und 15.000 im Management; die Werke seien nur zu etwa 60 Prozent ausgelastet.[6]
4. Wer gerade abbaut
| Unternehmen | Angekündigter Abbau in Deutschland |
|---|---|
| Volkswagen | über 35.000 Stellen an den deutschen Standorten bis 2030, sozialverträglich, vereinbart im Dezember 2024[4] |
| Bosch | rund 22.000 Stellen in der Mobility-Sparte in Deutschland, angekündigt 2024 und 2025, Laufzeit bis 2029 bis 2032[13][29] |
| ZF Friedrichshafen | bis zu 14.000 Stellen bis Ende 2028, etwa ein Viertel der deutschen Belegschaft, angekündigt 2024[22][32] |
| Continental | rund 3.000 Stellen in Forschung und Entwicklung weltweit, davon rund 1.450 in Deutschland; der Standort Nürnberg wird aufgegeben, angekündigt Februar 2025[14][30] |
Die Ankündigungen reichen über mehrere Jahre und lassen sich nicht addieren. Was bereits tatsächlich verloren ist, zeigt die Statistik: In der gesamten Industrie gingen 2025 rund 124.000 Stellen verloren, davon rund 50.000 in der Autoindustrie.[15] Diese Zahlen sind die sichtbare Spitze. Was sie nicht zeigen, sind die Menschen, deren Arbeit an diesen Stellen hängt.
5. Die zweite und dritte Welle
Wenn ein Werk schrumpft, endet der Schaden nicht am Werkstor. Die Forschung unterscheidet drei Wellen:[19]
| Welle | Wer betroffen ist | Beispiele | Sichtbarkeit |
|---|---|---|---|
| 1 Direkt | Belegschaft bei Herstellern und Zulieferern | Montage, Logistik, Entwicklung, Verwaltung | hoch, steht in jeder Meldung |
| 2 Indirekt | Lieferanten und Dienstleister außerhalb der Branche | Werkzeugbau, Spedition, Reinigung, Ingenieurbüros, Chemie, Kunststoff | mittel, oft erst auf den zweiten Blick |
| 3 Induziert | alle, die vom Konsum der Beschäftigten leben | Bäcker, Friseur, Gastronomie, Einzelhandel, Autohaus, Handwerk, Vereine | niedrig, taucht in keiner Konzernbilanz auf |
Schon die amtliche Zahl von 691.500 Beschäftigten ist zu niedrig gegriffen: Sie erfasst nur Betriebe ab 50 Beschäftigten innerhalb der Branche. Reifenhersteller und andere Zulieferer außerhalb der Autoindustrie fehlen.[1] Rechnet man die gesamte Wertschöpfungskette ein, hängen in Deutschland rund 3,2 Millionen Erwerbstätige an der Automobilwirtschaft.[12]
Wie viele Folgejobs an einem Industriearbeitsplatz hängen, ist gut erforscht:
| Studie | Ergebnis |
|---|---|
| Gathmann, Helm, Schönberg (Heidelberg, Stockholm, London), westdeutsche Verwaltungsdaten 1975 bis 2008 | Regionen verlieren nach Massenentlassungen in Großbetrieben deutlich mehr Jobs als den ursprünglichen Abbau, und das dauerhaft.[16] Bei im Schnitt 1.700 abgebauten Stellen lag die Beschäftigung im Kreis nach vier Jahren um rund 3.000 Stellen unter der Vergleichsregion, nach zehn Jahren um fast 5.200. Das sind etwa 0,8 und langfristig rund 2 weitere Stellen je abgebauter Stelle.[35] |
| Moretti (University of California, Berkeley), US-Städte 1980 bis 2000 | Jeder zusätzliche Industriejob brachte langfristig 1,6 Jobs in lokalen Diensten, jeder qualifizierte 2,5. Für langlebige Güter wie Autos lag der Wert bei 0,7 und war statistisch nicht gesichert. Gemessen wurden Zuwächse, nicht Verluste.[18] |
6. Die Rechnung: bis zu 500.000
Verbindet man die Prognosen für den direkten Abbau mit den Multiplikatoren aus der Forschung, ergeben sich drei Szenarien. Es handelt sich um eine eigene Rechnung auf Basis der zitierten Studien, nicht um eine amtliche Prognose. Die Faktoren sind Annahmen des Autors innerhalb der Spanne, die die deutsche Forschung langfristig zeigt.[5][6][16][35]
| Szenario | Direkt | Faktor | Folgejobs | Gesamt | Kaufkraft pro Jahr |
|---|---|---|---|---|---|
| A Vorsichtig (VDA) | 125.000 | 1,0 | 125.000 | 250.000 | 7,5–10,5 Mrd. € |
| B Mittel | 160.000 | 1,4 | 224.000 | 384.000 | 11,5–16,1 Mrd. € |
| C Hart (Roland Berger) | 200.000 | 1,5 | 300.000 | 500.000 | 15,0–21,0 Mrd. € |
Kaufkraft: wegfallendes Nettoeinkommen bei 2.500 bis 3.500 Euro netto pro Monat und Stelle, vor Arbeitslosengeld und anderen Transfers.
Bis zu 500.000 Arbeitsplätze
Direkte Jobs in der Autoindustrie und Folgejobs in Zulieferkette, Handel, Gastronomie und Handwerk, in Tausend
- Direkte Jobs
- Folgejobs
- Zusammen
Eigene Berechnung auf Basis der Quellen[5][6][16][35]. Grafik aus den Zahlen des Textes neu gezeichnet.
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Datentabelle anzeigen3 Zeilen
| Direkte Jobs (Tsd.) | Folgejobs (Tsd.) | Zusammen (Tsd.) | |
|---|---|---|---|
| A Vorsichtig (VDA) | 125 | 125 | 250 |
| B Mittel | 160 | 224 | 384 |
| C Hart (Roland Berger) | 200 | 300 | 500 |
7. Das Geld fehlt vor Ort
Ein Autofacharbeiter, der seinen Job verliert, wird nicht zwangsläufig arbeitslos. Aber er verdient fast immer weniger, und zwar dauerhaft. Eine große Studie mit deutschen Verwaltungsdaten zeigt: Die Einkommensverluste nach einem Jobverlust sind groß, anhaltend und in Abschwüngen beinahe doppelt so hoch, vor allem weil Betroffene zu schlechter zahlenden Arbeitgebern wechseln.[20]
Das DIW zeigt die Spannweite: Wer nach einer Massenentlassung aus der Produktion sowohl Beruf als auch Branche wechselt, verdient im ersten neuen Job rund 30 Prozent weniger Tageslohn. Wer im Produktionsberuf in der Industrie bleibt, verliert rund 2 Prozent, wer im Produktionsberuf in den Dienstleistungssektor wechselt, rund 6 Prozent.[21]
Genau hier liegt die Sprengkraft. Die Industrielöhne gehören zu den höchsten im Land. Jeder Euro, der dort fehlt, fehlt beim Autohändler, im Restaurant, im Sportverein und beim Bauunternehmer, der das Einfamilienhaus nicht mehr baut. Bochum zeigt es: Auf dem früheren Opel-Gelände entstanden neue Jobs, doch viele können mit dem Gehalt eines Auto-Facharbeiters nicht mithalten.[17]
8. Wo es einschlägt
Die Krise trifft Deutschland nicht gleichmäßig. Laut IW Consult sind 116 von 400 Kreisen und kreisfreien Städten besonders von der Autowirtschaft geprägt. Dort arbeiten knapp 859.000 produktionsnahe Beschäftigte der Autowirtschaft, fast drei Viertel aller bundesweit. Ihr Anteil an allen Beschäftigten liegt dort bei 8,4 Prozent, bundesweit nur bei 3,4 Prozent.[12] In 36 dieser Kreise hängen besonders viele Jobs am Verbrennungsmotor; Salzgitter, der Saarpfalz-Kreis, Bamberg und der Landkreis Kassel liegen an der Spitze.[12]
Baden-Württemberg: Zum vollständigen Automobilcluster zählten 2022 rund 480.000 Beschäftigte. Im progressiven Szenario der Landesstudie, mit schnellem Hochlauf der Elektromobilität, fallen bis 2030 bis zu 66.000 Stellen weg, bis 2040 bis zu 154.500. Die Landesregierung betont, es seien Szenarien und keine Prognosen.[23][33]
Ostdeutschland: Jeder vierte Industriearbeitsplatz, eine Viertelmillion, hängt unmittelbar oder mittelbar an der Fahrzeug- und Zulieferindustrie, so eine Studie im Auftrag der IG Metall.[24] Im Umfeld des VW-Werks Zwickau stehen nach Schätzung des Netzwerks Automobilzulieferer Sachsen rund 20.000 Stellen bei Zulieferern auf dem Spiel.[36]
Weitere Länder: 2025 sank die Beschäftigung in der Autoindustrie in Nordrhein-Westfalen um 8 Prozent, im Saarland um 11 Prozent und in Schleswig-Holstein um 20 Prozent.[2]
Rechenbeispiel: ein typischer Autokreis
rund 6.700 Arbeitsplätze
Ein Landkreis mit 100.000 Beschäftigten hat bei 8,4 Prozent Branchenanteil rund 8.400 Jobs in der Autowirtschaft.[12] Fällt davon ein Drittel weg (2.800) und kommen 1,4 Folgejobs je Stelle hinzu, verliert der Kreis rund 6.700 Arbeitsplätze, fast 7 Prozent aller Jobs. Bei 30.000 bis 42.000 Euro Nettoeinkommen je Stelle fehlen dem Kreis jedes Jahr rund 200 bis 280 Millionen Euro Kaufkraft.
Eigene Modellrechnung mit Annahmen aus den zitierten Studien.
Hinzu kommen die Kommunalfinanzen. In Stuttgart sanken die Gewerbesteuereinnahmen von 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf rund 730 Millionen Euro im Jahr 2025; die taz führt das auf die Krise bei Mercedes und Porsche zurück, die Stadt spricht von einem drastischen Wirtschaftsumschwung.[22][31] In Rastatt, Standort eines Mercedes-Werks, lagen die Einnahmen 2024 noch bei über 100 Millionen Euro; für 2026 rechnete die Stadt zuletzt mit nur noch rund 300.000 Euro.[22][34] Wenn der größte Steuerzahler wegbricht, trifft es Kitas, Schwimmbäder, Straßen und Vereine, also alle Bürger, nicht nur die Autobeschäftigten.
9. Was die Lage abfedert und warum das nicht reicht
Mobilität: Unter 50-Jährige in den betroffenen Regionen verlieren laut der Studie von Gathmann und Kollegen keine Beschäftigung, weil sie mobil sind; über 50-Jährige trifft es dauerhaft.[16] Für die Region ist das ein schwacher Trost: Wer wegzieht, nimmt seine Kaufkraft mit.
Strukturwandel: Von 1975 bis 2019 standen 1,53 Millionen verlorenen Produktionsjobs der Industrie 1,03 Millionen neue produktionsnahe Jobs im Dienstleistungssektor gegenüber, rund 68 Prozent.[21]
Sozialsysteme: Arbeitslosengeld, Abfindungen und Altersteilzeit verzögern den Einbruch der Kaufkraft um einige Jahre. Sie verhindern ihn nicht.
Demografie: Viele Stellen fallen über Renteneintritte weg. Das schont den Einzelnen, aber nicht die Region: Die Stelle kommt nicht wieder, und dem Nachwuchs fehlt der gut bezahlte Industriejob.
10. Was daraus folgt
Die Zahlen lassen nur einen Schluss zu: Die Krise der Autoindustrie ist keine Branchenfrage. Sie ist eine Frage der Regionen, der Kommunalfinanzen und des Mittelstands. Wer heute über Haushalt, Energiepreise oder CO₂-Regeln entscheidet, entscheidet mit über diese Arbeitsplätze.
Ehrlich zählen: Bund und Länder sollten neben den direkten Stellen auch die Folgejobs und die Kaufkraftverluste je Region ausweisen, nicht nur Konzernzahlen.
Standort wettbewerbsfähig machen: Energie, Abgaben und Bürokratie entscheiden, ob neue Jobs der Transformation in Deutschland oder im Ausland entstehen.[5]
Regulierung 2035 nachrechnen: Nach VDA-Berechnung hängen rund 50.000 Arbeitsplätze an der Ausgestaltung der CO₂-Flottenregeln.[5]
Die 116 Autokreise in den Blick nehmen: Frühwarnsystem, Hilfe für mittelständische Zulieferer, Qualifizierung und gezielte Ansiedlung, bevor die zweite und dritte Welle die Regionen erreicht.
Ausblick: Teil 2 dieser Reihe beziffert die Steuerausfälle für Bund, Länder und Kommunen und den daraus folgenden Sparzwang. Teil 3 zeigt die 116 Autokreise auf der Landkarte, mit Einwohnern und Einzugsgebieten.
Andreas W. HerbCEO MBG Group, Paderborn
METHODIK
Methodik
Die amtlichen Beschäftigtenzahlen stammen aus dem Monatsbericht im Verarbeitenden Gewerbe des Statistischen Bundesamts (Betriebe ab 50 Beschäftigten, Wirtschaftszweig 29). Der VDA rechnet mit Daten der Bundesagentur für Arbeit für alle Betriebe (2019 rund 958.000 Beschäftigte); seine Abbauzahlen sind daher nicht eins zu eins mit den Destatis-Werten vergleichbar. Die Szenarien A bis C, die Kaufkraftwerte und das Rechenbeispiel sind eigene Berechnungen. Multiplikatoren beschreiben langfristige Effekte über mehrere Jahre und sind Durchschnittswerte; im Einzelfall können sie höher oder niedriger liegen. Die deutsche Studie von Gathmann und Kollegen misst nach vier Jahren etwa 0,8, nach zehn Jahren rund 2 weitere Stellen je abgebauter Stelle, mit kleinerer Stichprobe für den langen Zeitraum; die Faktoren 1,0 bis 1,5 der Szenarien sind Annahmen des Autors. Die Überschrift „bis zu 500.000“ bezeichnet das obere Szenario, keine amtliche Prognose.
PRÜFUNG
Was vor der Veröffentlichung geprüft wurde
- Alle Rechenschritte sind nachgerechnet und folgen aus den genannten Ausgangswerten.
- Die Quellen wurden am 7. Oktober 2026 geprüft. Wo das Original eine Zweitquelle nannte (Blog, Agenturmeldung, Boulevard), ist die Erstquelle angegeben; an mehreren Stellen sind Zeitraum, Bezug oder Datum nach der Erstquelle präzisiert.
- Die Folgejob-Faktoren der Szenarien sind Annahmen des Autors. Die deutsche Forschung misst nach vier Jahren etwa 0,8, nach zehn Jahren rund 2 weitere Stellen je abgebauter Stelle (Quellen 16, 35); der US-Wert von Moretti beschreibt Zuwächse und liegt für langlebige Güter niedriger (Quelle 18).
QUELLEN
Quellen
Jede Nummer im Text führt zu ihrer Quelle. Die Herkunft steht an jedem Eintrag: amtlich, Medienbericht, Verband, Institut oder Datenportal.
[1] Statistisches Bundesamt, 14.08.2026
Pressemitteilung N057Amtliche Quelle↑ zurück zum Text
[2] EY, 20.03.2026
Automobilstandort Deutschland immer stärker unter DruckInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[3] EY, 14.08.2026
Industriebarometer Q2 2026: Deutsche Industrie stabilisiert sich beim Umsatz – doch der Arbeitsplatzabbau beschleunigt sichInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[4] Volkswagen AG, 20.12.2024
Einigung erzielt: Volkswagen AG stellt sich wettbewerbsfähig für die Zukunft aufInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[5] Verband der Automobilindustrie (VDA), 12.05.2026
Pressemeldung zur Beschäftigungsentwicklung bis 2035Verband↑ zurück zum Text
[6] Roland Berger (Pressemitteilung, Abdruck bei finanznachrichten.de), 07.10.2026
Deutsche Automobilindustrie schrumpft: Neue Roland-Berger-Studie prognostiziert mindestens 200.000 Stellen weniger bis 2030Institut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[7] Hasepost (dts, nach manager magazin), 17.09.2026
200.000 Autojobs in Deutschland bis 2031 gefährdetMedienbericht↑ zurück zum Text
[8] Fraunhofer IAO, 22.07.2026
Automobilindustrie 2040: Studie zeigt Auswirkungen und Chancen für Beschäftigung und WertschöpfungInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[9] RSM Ebner Stolz, 31.08.2026
Studie Automobilzulieferer 2026: Wachsen oder Weichen? Optimieren!Institut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[10] BMW Group, 2026
Quartalsmitteilung zum 30. Juni 2026Institut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[11] EY, 20.09.2026
Deutsche Autokonzerne verlieren den Anschluss: Schlusslicht beim Umsatz, Gewinne und Margen im SinkflugInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[12] IW Consult für das BMWE, 09.09.2025
Regionale Automobilnetzwerke – Update 2025Institut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[13] Bosch, 25.09.2025
Maßnahmen zur Schließung der Kostenlücke bei Bosch Mobility – Weiterer Stellenabbau unvermeidbarInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[14] Continental, 18.02.2025
Pressemitteilung zum Stellenabbau in Forschung und EntwicklungInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[15] RND/dpa (cash.ch), 17.02.2026
Mühsam aus der Krise: Deutsche Industrie streicht über 120.000 JobsMedienbericht↑ zurück zum Text
[16] Gathmann, Helm, Schönberg (Journal of the European Economic Association 18/1), 2020
Spillover Effects of Mass LayoffsInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[17] Süddeutsche Zeitung, 14.12.2017
Bochum: Wo die Sonne nicht mehr verstaubtMedienbericht↑ zurück zum Text
[18] Enrico Moretti (American Economic Review: Papers & Proceedings 100/2), 2010
Local MultipliersInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[19] Dr. Web, 27.06.2026
Werksschließung: Was eine Region wirklich verliertMedienbericht↑ zurück zum Text
[20] Schmieder, von Wachter, Heining (American Economic Review), 2023
The Costs of Job Displacement over the Business Cycle and Its SourcesInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[21] DIW Berlin (Kroeger, Boddin), 05.08.2026
Wochenbericht 32/2026: Beschäftigung im Strukturwandel: Berufe bleiben, Branchen wechselnInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[22] taz, 17.02.2026
Die Krise kommt im Stadtsäckel anMedienbericht↑ zurück zum Text
[23] e-mobil BW, 13.11.2023
Neuauflage der Strukturstudie BW 2023 (Presseinformation)Institut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[24] IG Metall Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen, Februar 2025
prägnant 28: Studie zur Automobilindustrie in Ostdeutschland (Sustain Consult)Verband↑ zurück zum Text
[25] Prognos für den VDA, 29.10.2024
Studie: Beschäftigungsperspektiven in der AutomobilindustrieInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[26] EY, März 2025
Die Automobilindustrie in DeutschlandInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[27] Mercedes-Benz Group, 28.07.2026
Absatz im zweiten Quartal 2026Institut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[28] autohaus.de, 2026
Absatzzahlen sinken: Deutsche Autoindustrie im RückwärtsgangMedienbericht↑ zurück zum Text
[29] electrive.net, 25.09.2025
Bosch will weitere 13.000 Stellen in der Mobility-Sparte abbauenMedienbericht↑ zurück zum Text
[30] t-online (dpa), 18.02.2025
Continental setzt Rotstift an: 3000 Stellen fallen wegMedienbericht↑ zurück zum Text
[31] Landeshauptstadt Stuttgart, Juli 2026
Jahresabschluss 2025: Stuttgart verzeichnet RekorddefizitAmtliche Quelle↑ zurück zum Text
[32] produktion.de, 26.07.2024
ZF will bis zu 14.000 Stellen in Deutschland streichenMedienbericht↑ zurück zum Text
[33] Landtag von Baden-Württemberg, 11.06.2026
Drucksache 18/22: Antwort der Landesregierung zur Strukturstudie BW 2023Amtliche Quelle↑ zurück zum Text
[34] goodnews4 (Mitteilung der Stadt Rastatt), 2026
Haushalt 2026 der Stadt Rastatt unter Auflagen genehmigtMedienbericht↑ zurück zum Text
[35] Gathmann, Helm, Schönberg (Working Paper, Universität Heidelberg), März 2017
Spillover Effects of Mass LayoffsInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[36] Freie Presse, 26.06.2026
Experte zur geplanten Schließung des Zwickauer VW-Werks: 20.000 Arbeitsplätze bei Zulieferern stehen auf dem SpielMedienbericht↑ zurück zum Text
KORREKTUREN
Korrekturen
Keine Korrekturen seit der Veröffentlichung am 07.10.2026. Jede wesentliche Änderung erscheint hier mit Datum, Grund und altem Wortlaut.
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