HINTERGRUNDDATENCHECKWACHSTUM UND INDUSTRIEPRODUKTION
Sieben Jahre, zwei Prozent
Hans-Werner Sinn hat in Luzern zwei Befunde genannt: Deutschland ist beim Wachstum ganz hinten, und seine Industrie schrumpft, während die der Nachbarn wächst. Wir haben beides an den Datenbanken von IWF und Eurostat nachgerechnet.
Grundlage: Eigene Auswertung der Datenbanken von IWF und Eurostat, angestoßen durch den Vortrag von Hans-Werner Sinn am 21. Oktober 2026 am IWP Luzern
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Inhalt
0,3 %
reales Wachstum pro Jahr in Deutschland, 2018 bis 2025
Letzter Platz unter 20 verglichenen Volkswirtschaften und Ländergruppen.[1]
+2,0 %
Wachstum in sieben Jahren insgesamt
Weltwirtschaft im selben Zeitraum: +22,8 Prozent.[1]
−15,2 %
Industrieproduktion gegenüber 2018
Verarbeitendes Gewerbe, erstes Halbjahr 2026.[2]
+26,0 %
Industrieproduktion der Schweiz im selben Zeitraum
Österreich +5,7 Prozent, EU-27 +1,7 Prozent.[2]
Am 21. Oktober 2026 hat der Ökonom Hans-Werner Sinn am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik in Luzern einen Vortrag über die Lage der deutschen Wirtschaft gehalten.[5] Zwei seiner Befunde wurden danach weiterverbreitet: Deutschland sei seit 2018 gemeinsam mit Japan das Schlusslicht der OECD beim Wachstum, und die reale Produktion des Verarbeitenden Gewerbes sei seit 2018 um 16 Prozent gefallen, in der Autoindustrie um 25, im Maschinenbau um 23 und in der Chemie um 22 Prozent.[4]
Wir haben beides nachgerechnet, nicht abgeschrieben. Die Zahlen unten stammen aus den Datenbanken des Internationalen Währungsfonds[1] und von Eurostat[2], abgerufen am 26. Oktober 2026. Das Ergebnis für Deutschland deckt sich fast genau mit Sinns Angaben. Für einige andere Länder nicht – dazu weiter unten.
Zwei Prozent in sieben Jahren
Die deutsche Wirtschaftsleistung ist von 2018 bis 2025 real um 2,0 Prozent gewachsen. Nicht pro Jahr, sondern insgesamt. Umgerechnet sind das 0,3 Prozent im Jahr. Die Weltwirtschaft ist im selben Zeitraum um 22,8 Prozent gewachsen, die Eurozone um 8,5 Prozent, die Vereinigten Staaten um 18,5 Prozent.[1] Für das letzte Jahr der Reihe stimmen IWF und Statistisches Bundesamt überein: 2025 ist die deutsche Wirtschaft um 0,2 Prozent gewachsen.[3]
Deutschland steht am Ende der Reihe
Durchschnittliches jährliches reales Wachstum 2018 bis 2025, in Prozent. Eigene Rechnung aus den Jahresraten des IWF
IWF, World Economic Outlook, Stand Oktober 2026[1]. Grafik aus den Zahlen des Textes neu gezeichnet.
Grenzen der Daten: „Welt“, „Eurozone“ und „Lateinamerika“ sind Ländergruppen des IWF und stehen neben den einzelnen Ländern, nicht über ihnen. Japan und Deutschland liegen auf derselben Stelle hinter dem Komma: Japan erreicht 0,32 Prozent, Deutschland 0,29. Der Abstand zwischen beiden ist kleiner als die übliche Datenrevision.
Grafik als Bild herunterladen (PNG)
Datentabelle anzeigen20 Zeilen
| Wachstum pro Jahr (%) | |
|---|---|
| Indien | 5,3 |
| China | 5,1 |
| Polen | 3,1 |
| Welt | 3 |
| Litauen | 2,9 |
| USA | 2,5 |
| Dänemark | 2,2 |
| Russland | 2 |
| Schweiz | 1,8 |
| Lateinamerika | 1,7 |
| Spanien | 1,7 |
| Schweden | 1,5 |
| Eurozone | 1,2 |
| Estland | 1,1 |
| Frankreich | 1,1 |
| Lettland | 1 |
| Italien | 0,9 |
| Österreich | 0,7 |
| Japan | 0,3 |
| Deutschland | 0,3 |
Die Reihe folgt dem Schaubild aus dem Vortrag in der Auswahl der Länder, nicht in den Werten. Deutschland steht an letzter Stelle, Japan unmittelbar davor – das entspricht Sinns eigener Formulierung, Deutschland sei gemeinsam mit Japan Schlusslicht.[4] Das Schaubild selbst zeigt Japan dagegen bei 1,2 Prozent, also deutlich über Deutschland. Diesen Wert geben die Daten des IWF nicht her.
Warum ein Mittelwert hier nicht gleich Mittelwert ist: Deutschland hatte 2020 ein Minus von 4,0 Prozent und 2021 ein Plus von 4,0 Prozent. Addiert ergibt das null, gerechnet bleibt ein Verlust, weil das Plus auf die kleinere Grundlage wirkt. Wir rechnen deshalb mit dem geometrischen Mittel: dem jährlichen Wachstum, das von 2018 bis 2025 zum tatsächlich erreichten Stand führt. Der einfache Durchschnitt der sieben Jahresraten ergäbe für Deutschland 0,31 statt 0,29 Prozent.
Was der Abstand bedeutet, zeigt eine einfache Gegenrechnung. Wäre die deutsche Wirtschaft seit 2018 im Tempo der Eurozone gewachsen – nicht im Tempo der Welt, der USA oder Polens, sondern im Durchschnitt des eigenen Währungsraums –, läge die Wirtschaftsleistung 2025 um gut 6 Prozent höher als sie liegt. Das ist eine Modellrechnung und keine Prognose; der Rechenweg steht unter „Wie wir gerechnet haben“.
Die Industrie: Deutschland fällt, die Nachbarn nicht
Der zweite Befund betrifft das Verarbeitende Gewerbe. Hier ist die Lage deutlicher als beim Gesamtwachstum, und hier lässt sich am besten prüfen, ob Deutschland ein europäisches Problem teilt oder ein eigenes hat. Eurostat führt für Deutschland, Österreich, die Schweiz und die EU dieselbe Reihe nach denselben Regeln.[2]
Nur Deutschland produziert weniger als 2018
Produktion im Verarbeitenden Gewerbe, saison- und kalenderbereinigt, Jahresmittel, 2018 = 100. Der Wert für 2026 ist das erste Halbjahr
- Deutschland
- Schweiz
- Österreich
- EU-27
Eurostat, Produktion im Verarbeitenden Gewerbe (sts_inpr_q)[2]. Grafik aus den Zahlen des Textes neu gezeichnet.
Grenzen der Daten: Seit 2018 hat die Schweiz 26,0 Prozent zugelegt, Österreich 5,7 Prozent, die EU-27 1,7 Prozent. Deutschland hat 15,2 Prozent verloren. Das Jahr 2018 war für Deutschland zugleich das höchste Jahresmittel seit Beginn der Reihe im Jahr 2000; alle späteren Jahre liegen darunter. Die Schweizer Werte schwanken stark, weil die Pharmaproduktion ein großes Gewicht hat.
Grafik als Bild herunterladen (PNG)
Datentabelle anzeigen9 Zeilen
| Deutschland (2018 = 100) | Schweiz (2018 = 100) | Österreich (2018 = 100) | EU-27 (2018 = 100) | |
|---|---|---|---|---|
| 2018 | 100 | 100 | 100 | 100 |
| 2019 | 97 | 104 | 100,1 | 99,5 |
| 2020 | 87,5 | 100 | 93,1 | 92 |
| 2021 | 91,6 | 109,5 | 103,1 | 101 |
| 2022 | 91,6 | 118 | 109,2 | 104,2 |
| 2023 | 90,9 | 118,4 | 107,5 | 103,2 |
| 2024 | 86,8 | 120,3 | 102,1 | 100,4 |
| 2025 | 85,9 | 125,7 | 105,3 | 102,2 |
| 2026 | 84,8 | 126 | 105,7 | 101,7 |
Der Verlauf trennt zwei Dinge, die in der Debatte oft zusammenfallen. Der Einbruch im Corona-Jahr 2020 traf alle vier, die Schweiz am wenigsten. Danach läuft Deutschland als einziges nicht wieder hoch: Österreich, die Schweiz und die EU liegen seit 2021 in jedem Jahr über dem Stand von 2018. Deutschland fällt seit 2022 in jedem Jahr weiter und liegt im ersten Halbjahr 2026 sogar unter dem Corona-Jahr 2020.
| Wirtschaftszweig | Veränderung seit 2018 | Angabe im Vortrag |
|---|---|---|
| Verarbeitendes Gewerbe insgesamt | −15,2 % | −16 % |
| Kraftwagen und Kraftwagenteile | −23,2 % | −25 % |
| Maschinenbau | −21,3 % | −23 % |
| Chemische Erzeugnisse | −21,1 % | −22 % |
Die rechte Spalte ist die Angabe aus dem Vortrag.[4] Die Abweichungen von ein bis zwei Prozentpunkten erklären sich plausibel durch einen anderen Stichzeitraum – wer bis zum Jahresende 2025 rechnet, kommt auf andere Werte als wer das erste Halbjahr 2026 einbezieht. Der Befund selbst steht in allen vier Zeilen.
Diese Grafik beweist nicht, woran es liegt. Sie schließt aber eine Erklärung aus, die häufig zu hören ist: dass es sich um eine allgemeine europäische Entwicklung handele, der Deutschland nur besonders ausgesetzt sei. Die EU insgesamt produziert heute mehr als 2018, Österreich als unmittelbarer Nachbar mit ähnlicher Industriestruktur ebenfalls, die Schweiz deutlich mehr. Was immer die Ursachen sind, sie wirken in Deutschland anders als nebenan.
Was diese Zahlen nicht sagen
Sie sagen nicht, woran es liegt. Demografie, Energiepreise, Regulierung, Exportmärkte, Zölle und die Struktur der deutschen Industrie sind in dieser Rechnung nicht getrennt; wer eine Ursache benennt, braucht dafür einen eigenen Beleg. Sie sagen auch nichts über die Zukunft: Der IWF erwartet für Deutschland 2026 ein Wachstum von 1,3 Prozent und 2027 von 1,1 Prozent.[1] Sie sind drittens kein Urteil über Lebensstandard oder Wohlstand – das Bruttoinlandsprodukt misst Produktion, nicht Lebensqualität, und eine Industrieproduktion misst Menge, nicht Wertschöpfung je Beschäftigtem. Und sie sind viertens revidierbar: Sowohl die IWF-Reihe als auch der Eurostat-Index werden laufend überarbeitet, der Wert für das erste Halbjahr 2026 besonders.
Was bleibt, ist ein geprüfter Befund in zwei Sätzen. Die deutsche Wirtschaft ist in sieben Jahren um 2,0 Prozent gewachsen und steht damit am Ende eines Vergleichs von 20 Volkswirtschaften. Ihre Industrie produziert 15 Prozent weniger als 2018, während die der Nachbarn mehr produziert.
METHODIK
Methodik
Durchschnittliches jährliches Wachstum: geometrisches Mittel der sieben Jahresraten 2019 bis 2025 aus der IWF-Reihe NGDP_RPCH. Für Deutschland (1,1; −4,0; 4,0; 1,9; −1,0; 0,0; 0,2 Prozent) ergibt das Produkt der Wachstumsfaktoren 1,0198, also 2,0 Prozent in sieben Jahren; die siebte Wurzel daraus ist 1,0029, also 0,29 Prozent im Jahr. Zum Vergleich der einfache Durchschnitt derselben sieben Raten: 0,31 Prozent.
Gegenrechnung Eurozone: Die Eurozone wächst im selben Zeitraum kumuliert um 8,5 Prozent, Deutschland um 2,0 Prozent. 1,085 geteilt durch 1,020 ergibt 1,064, also gut 6 Prozent. Die Rechnung überträgt eine Durchschnittsrate auf eine einzelne Volkswirtschaft und sagt nichts darüber, ob dieses Wachstum erreichbar gewesen wäre.
Industrieproduktion: Eurostat sts_inpr_q, Verarbeitendes Gewerbe (NACE C), saison- und kalenderbereinigt, Originalindex 2021 = 100. Jahresmittel aus den vier Quartalen, 2026 aus den beiden vorliegenden. Umbasiert auf 2018 = 100 durch Division durch das Jahresmittel 2018 (Deutschland 108,375; Österreich 96,525; Schweiz 91,275; EU-27 99,0). Veränderung bis zum ersten Halbjahr 2026: Deutschland 91,85 gegen 108,375 ergibt −15,2 Prozent; Österreich 102,0 gegen 96,525 ergibt +5,7; Schweiz 115,05 gegen 91,275 ergibt +26,0; EU-27 100,7 gegen 99,0 ergibt +1,7 Prozent.
Wirtschaftszweige derselben Reihe für Deutschland: Chemische Erzeugnisse (C20) 77,85 gegen 98,675 ergibt −21,1 Prozent, Maschinenbau (C28) 86,75 gegen 110,275 ergibt −21,3 Prozent, Kraftwagen und Kraftwagenteile (C29) 102,85 gegen 133,9 ergibt −23,2 Prozent.
PRÜFUNG
Was vor der Veröffentlichung geprüft wurde
- Anlass sind zwei Schaubilder aus dem Vortrag „Deutschlands grosse Krise“ von Hans-Werner Sinn am 21. Oktober 2026 am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik in Luzern (Quellen 4 und 5). Die Zahlen stammen nicht aus diesen Schaubildern. Wir haben beide Grafiken am 26. Oktober 2026 aus den Datenbanken selbst gerechnet: IWF World Economic Outlook, Stand Oktober 2026 (Quelle 1), und Eurostat, Quartalsdaten zur Produktion im Verarbeitenden Gewerbe (Quelle 2).
- Das Nachrechnen war nötig und hat etwas gefunden. Für Deutschland stimmen die Befunde fast genau: Wir rechnen 0,3 Prozent Wachstum im Jahr gegenüber 0,2 im Schaubild und 15,2 Prozent weniger Industrieproduktion gegenüber 16 Prozent bei Sinn. Für mehrere andere Länder weichen die Werte deutlich ab, am stärksten bei Indien (5,3 statt 7,6), Japan (0,3 statt 1,2) und Spanien (1,7 statt 2,8). Woher die Werte der Schaubilder stammen, ist uns nicht bekannt; ein Foliensatz des Vortrags ist nicht veröffentlicht. Dieser Bericht zeigt deshalb ausschließlich die selbst gerechneten Reihen.
- Das Wachstum ist der geometrische Mittelwert der sieben Jahresraten 2019 bis 2025, also das jährliche Wachstum einer Wirtschaft, die 2018 beginnt. Nicht der Durchschnitt der sieben Prozentzahlen: Der fällt höher aus, weil ein Einbruch und eine gleich große Erholung sich nicht zu null addieren.
- Die Industrieproduktion ist der Index des Verarbeitenden Gewerbes (NACE C), saison- und kalenderbereinigt, von uns auf 2018 = 100 umgerechnet. Der letzte Punkt ist das erste Halbjahr 2026; ein vollständiges Jahr 2026 liegt nicht vor. Die Schweizer Reihe beginnt bei Eurostat erst 2010 und schwankt stark, weil die Pharmaproduktion ein großes Gewicht hat: Das zweite Quartal 2026 liegt allein rund 10 Prozent über dem ersten.
- Nicht geprüft und deshalb nicht enthalten: die weiteren Aussagen des Vortrags zu Demografie, Nettoinvestitionen, Energie- und Klimapolitik. Sinn wurde nicht um eine Stellungnahme gebeten. Die wirtschaftspolitischen Schlüsse des Vortrags sind seine Position und nicht Gegenstand dieses Berichts.
QUELLEN
Quellen
Jede Nummer im Text führt zu ihrer Quelle. Die Herkunft steht an jedem Eintrag: amtlich, Medienbericht, Verband, Institut oder Datenportal.
[1] Internationaler Währungsfonds (IWF), abgerufen 26.10.2026
World Economic Outlook Database, Stand Oktober 2026: Reales Bruttoinlandsprodukt, Veränderung gegenüber dem Vorjahr (Reihe NGDP_RPCH), Jahreswerte 2019 bis 2025 sowie Prognosen 2026 und 2027Datenportal↑ zurück zum Text
[2] Eurostat, abgerufen 26.10.2026
Produktion im Verarbeitenden Gewerbe, Quartalsdaten (sts_inpr_q), saison- und kalenderbereinigt, Index 2021 = 100, Wirtschaftszweige C, C20, C28 und C29, Deutschland, Österreich, Schweiz und EU-27, 1. Quartal 2000 bis 2. Quartal 2026Datenportal↑ zurück zum Text
[3] Statistisches Bundesamt (Destatis), 15.01.2026
Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 um 0,2 % gewachsen (Pressemitteilung Nr. 017), amtlicher Wert für das letzte Jahr der ReiheAmtliche Quelle↑ zurück zum Text
[4] IWP Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik, Universität Luzern, Stand 26.10.2026
„«15 Jahre Merkel rückabwickeln», sagt Hans-Werner Sinn“ – Bericht über den Vortrag vom 21. Oktober 2026, mit den Angaben zu Wachstum und IndustrieproduktionInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[5] Hans-Werner Sinn, 21.10.2026
Vortrag „Deutschlands grosse Krise: Analyse und Politikoptionen“, IWP Luzern, 21. Oktober 2026, VideoaufzeichnungInstitut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
KORREKTUREN
Korrekturen
Keine Korrekturen seit der Veröffentlichung am 26.10.2026. Jede wesentliche Änderung erscheint hier mit Datum, Grund und altem Wortlaut.