MEINUNGKOMMENTARSCHLOSS BELLEVUE
18.400 Euro pro Meter Zaun: Bellevue wird zum Milliardenprojekt
Der Steuerzahler zahlt, der Bund muss erklären, wofür.
Von Andreas W. Herb, CEO MBG Group, Paderborn
5 Minuten Lesezeit13 Quellen0 KorrekturenOffenlegung
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Inhalt
Für die Sanierung von Schloss Bellevue und der gesamten Liegenschaft sind 860 Millionen Euro veranschlagt, einschließlich Risiko- und Preisreserven.[3][4] Dazu kommen 205 Millionen Euro für das Ausweichquartier in Moabit, in das der Bundespräsident im Sommer 2026 umgezogen ist.[3][8] Zusammen sind das 1,065 Milliarden Euro. Und für den Zaun um das Gelände samt Videoüberwachung nennt der Bund der Steuerzahler 23,9 Millionen Euro, rechnerisch rund 18.400 Euro pro Meter.[6]
Wichtig vorweg: Das ist kein gewöhnlicher Bauzaun, und die Zahlen sind keine abgeschlossene Endabrechnung. Gerade deshalb lohnt der genaue Blick.
Was die Milliarde umfasst
| Kostenbestandteil | Mio. € |
|---|---|
| Sanierung Schloss Bellevue | 146 |
| Sanierung Verwaltungsgebäude | 120 |
| Neubau Hauptwache und liegenschaftsweite Technikzentrale | 173 |
| Außenanlagen und Infrastruktur (Sicherheitsanlagen, Wege, Geothermie, Park, Baulogistik) | 162 |
| Bau- und Planungskosten zusammen | 601 |
| Risikoreserve | 188 |
| Vorsorge für Baupreissteigerungen | 71 |
| Sanierungsbudget einschließlich Reserven | 860 |
| Ausweichquartier (Projektkosten, eigenes Budget der Bundesimmobilienanstalt) | 205 |
| Summe beider Budgets | 1.065 |
Quellen: Bundespräsidialamt[2][3] und Antwort der Bundesregierung[4]; Ausweichquartier: Berliner Zeitung[8] und Bundesregierung[4]. Die letzte Zeile ist die Addition zweier getrennter Budgets. Möbel und Innenausstattung sind nach Angabe des Bundesamts für Bauwesen gesondert veranschlagt und kommen hinzu.[6]
Daraus folgen drei Einschränkungen. Erstens kostet die eigentliche Schlosssanierung nach der Planung 146 Millionen Euro, nicht eine Milliarde; die Milliarde entsteht durch die gesamte Liegenschaft, die Reserven und den Ausweichbau. Zweitens sind die 259 Millionen Euro Reserven eingeplante Risiken und Preissteigerungen, nicht bereits ausgegebenes Geld; sie entsprechen rund 43 Prozent der Bau- und Planungskosten. Drittens ist das Ausweichquartier kein Wegwerfprovisorium: Nach der Rückkehr des Bundespräsidenten soll es dauerhaft anderen Bundesbehörden dienen. Bis dahin zahlt das Bundespräsidialamt Miete, vorläufig 16,8 Millionen Euro im Jahr, ab dem sechsten Jahr 9,2 Millionen.[4][5]
Wie die Kosten gewachsen sind
| Zeitpunkt | Stand und genannte Kosten |
|---|---|
| 2018 bis 2020 | Suche nach einer Bestandsimmobilie als Zwischenunterkunft; keine erfüllt die Anforderungen an Sicherheit und Repräsentation, deshalb ein Neubau.[2] |
| 2020 | Beginn der Planung, unter anderem Wettbewerb für das Wach- und Kontrollgebäude.[1][4] |
| September 2021 | Ausweichquartier: 137 Mio. €, später als Obergrenze bezeichnet.[7][8] |
| September 2023 | Ausweichquartier: 205 Mio. € Projektkosten.[8] |
| 25. Februar 2026 | Das Bundespräsidialamt legt Kosten und Zeitplan für die gesamte Liegenschaft vor: 601 Mio. € plus 259 Mio. € Reserven.[3][9] |
| August 2026 | Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung übernimmt die Liegenschaft; die vorbereitenden Arbeiten beginnen vier Monate später als geplant. Budget: 860 Mio. €.[4] |
| 1. Oktober 2026 | Das Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler kritisiert die Zaunanlage: 23,9 Mio. € für 1.300 Meter.[6] |
Die belastbare Aussage zur Kostensteigerung lautet deshalb: Das Ausweichquartier verteuerte sich zwischen 2021 und 2023 von 137 auf 205 Millionen Euro, um knapp 50 Prozent.[7][8] Die Aussage „die Schlossrenovierung stieg von 137 Millionen auf über eine Milliarde“ wäre dagegen falsch, weil sie zwei Projekte und verschiedene Kostenumfänge vermischt. Eine veröffentlichte frühere Gesamtschätzung für die Sanierung der Liegenschaft, mit der sich die heutigen 860 Millionen ehrlich vergleichen ließen, haben wir nicht gefunden.
Der Zaun im Detail
Zaun samt Videoüberwachung, je laufendem Meter
rund 18.400 €
23,9 Millionen Euro geteilt durch 1.300 Meter ergibt 18.384,62 Euro je Meter. Auf zehn Meter entfallen rechnerisch rund 184.000 Euro, auf hundert Meter rund 1,84 Millionen.[6]
Anteilige Umrechnung des Gesamtpakets, kein Einzelpreis für einen Meter Stahlzaun.
Was tatsächlich erneuert wird, bestätigt das Bundespräsidialamt: die dauerhafte Zaunanlage an der gesamten 1.300 Meter langen Außengrenze der rund zehn Hektar großen Liegenschaft und die Videoüberwachung entlang dieser Grenze. Die rund 30 Jahre alte analoge Videotechnik wird digitalisiert.[1][2] Die Bundesregierung ordnet Zaun, Videoüberwachung und Poller dem Bereich Außenanlagen zu, der insgesamt 162 Millionen Euro umfasst.[4]
Einen eigenen Preis von 23,9 Millionen Euro weist keine amtliche Veröffentlichung aus. Die Zahl stammt aus dem Schwarzbuch.[6] Auf die Kritik verwies das Bundespräsidialamt lediglich auf seine Internetseite.[10] Ein reiner Material- oder Montagepreis lässt sich daraus nicht ableiten, und eine Aufteilung zwischen Zaun, Kameras und weiteren Leistungen ist nicht öffentlich.
Wo die Kritik greift
Schon das Ausweichquartier wurde um 68 Millionen Euro teurer. Diese Mehrkosten allein entsprechen fast dem Dreifachen des Zaunpakets.[6][8] Dass ein Neubau überhaupt nötig war, wurde früh bezweifelt: Die Berliner Zeitung verwies 2021 auf 121.000 Quadratmeter leerstehende bundeseigene Büroflächen.[13]
Hauptwache und Technikzentrale kosten zusammen 173 Millionen Euro, mehr als die Sanierung des historischen Schlosses mit 146 Millionen.[2][3] Das Vorhaben geht damit weit über eine Schlossrenovierung hinaus.
Der Risiko- und Preispuffer von 259 Millionen Euro ist größer als das gesamte Budget des Ausweichneubaus.[3][8] Ein solcher Puffer ist nicht automatisch unwirtschaftlich, aber eine Größenordnung, die öffentliche Kontrolle verlangt.
Der Meterpreis von rund 18.400 Euro ist ein anschaulicher Kritikpunkt. Ohne Leistungsbeschreibung und belastbaren Vergleich beweist er allein aber nicht, dass der Auftrag überteuert ist.
Was zur fairen Einordnung gehört
Das Bundespräsidialamt nennt konkrete Gründe für die Sanierung: ein stellenweise undichtes Dach, Korrosion in den Geschossdecken, überalterte Technik, erhebliche Brandschutzmängel vor allem im Verwaltungsgebäude und Fenster, die den Sicherheitsanforderungen nicht genügen. Ein Konferenzbereich im Schloss und eine zusätzliche Büroetage im Verwaltungsgebäude wurden gestrichen.[1][2][4]
Der Vergleich mit der Sanierung von 2004 und 2005 trägt nur begrenzt: Damals wurde vor allem der Nordflügel in 20 Monaten teilsaniert, und Schloss Charlottenburg diente nur für einzelne Veranstaltungen, nicht als Ausweich-Amtssitz.[4][11] Bundespräsident Steinmeier sagte im Sommer 2026, das Schloss sei nicht der Kostentreiber; ein Faktencheck des ZDF bewertete das als teilweise zutreffend.[12]
Die Sanierungsnotwendigkeit ist damit begründet. Ob sämtliche Maßnahmen und Preise wirtschaftlich angemessen sind, ist eine andere Frage.
Was der Bund offenlegen muss
Für eine belastbare Bewertung des Zauns müssten das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung oder das Bundespräsidialamt mindestens sechs Fragen beantworten: Wie viel entfällt auf den Zaun, wie viel auf die Videoüberwachung? Sind Rückbau, Fundamente, Erdarbeiten, Kabeltrassen, Stromversorgung und Wiederherstellung der Flächen enthalten? Welche besonderen Schutzanforderungen muss die Anlage erfüllen? Sind Planungskosten und Reserven in den 23,9 Millionen enthalten? Handelt es sich um eine Schätzung, einen vergebenen Auftrag oder abgerechnete Leistungen? Und welche günstigeren Varianten wurden geprüft und warum verworfen?
Das sind Prüfungsfragen, keine Behauptungen darüber, was in diesem Budget steckt. Die bisher veröffentlichten Unterlagen beantworten sie für den Zaun nicht.
Sanierungsbedarf ist kein Freibrief für jede Rechnung. Wenn Bellevue samt Ausweichneubau ein Milliardenprojekt wird und schon Zaun samt Kameras rechnerisch 18.400 Euro pro Meter kosten sollen, muss der Bund öffentlich erklären, welche Leistungen diese Summen rechtfertigen und welche günstigeren Alternativen geprüft wurden. Der Hinweis auf höhere Sicherheitsanforderungen allein ersetzt keine nachvollziehbare Kalkulation.
Andreas W. HerbCEO MBG Group, Paderborn
PRÜFUNG
Was vor der Veröffentlichung geprüft wurde
- Alle Rechenschritte sind nachgerechnet und folgen aus den genannten Ausgangswerten.
- Die Zahlen wurden am 7. Oktober 2026 gegen die Darstellung des Bundespräsidialamts, die Antwort der Bundesregierung vom 24. September 2026 und die übrigen Quellen geprüft.
- Die 23,9 Millionen Euro für Zaun und Videoüberwachung stehen im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler (Quelle 6), nicht in einer amtlichen Veröffentlichung. Ob Reserven oder weitere Leistungen enthalten sind, ist nicht öffentlich.
- Die 1.065 Millionen Euro sind die Summe zweier getrennter Budgets: Das Ausweichquartier ist nach Angabe der Bundesregierung nicht Teil der Sanierung, sondern ein Bau der Bundesimmobilienanstalt, für den das Bundespräsidialamt Miete zahlt (Quelle 4).
QUELLEN
Quellen
Jede Nummer im Text führt zu ihrer Quelle. Die Herkunft steht an jedem Eintrag: amtlich, Medienbericht, Verband, Institut oder Datenportal.
[1] Bundespräsidialamt
Baumaßnahmen an Schloss BellevueAmtliche Quelle↑ zurück zum Text
[2] Bundespräsidialamt
Grundlegende Sanierung des Amtssitzes des Bundespräsidenten (Kurzüberblick)Amtliche Quelle↑ zurück zum Text
[3] Bundespräsidialamt, 25.02.2026
Schloss Bellevue und Bundespräsidialamt werden grundlegend saniert – Umzug im Sommer 2026Amtliche Quelle↑ zurück zum Text
[4] Deutscher Bundestag, 24.09.2026
Drucksache 21/8214: Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage zur Sanierung des Amtssitzes des BundespräsidentenAmtliche Quelle↑ zurück zum Text
[5] Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung
Häufig gestellte Fragen zum Bürogebäude für BundesbehördenAmtliche Quelle↑ zurück zum Text
[6] Bund der Steuerzahler, Schwarzbuch 2026/27, 01.10.2026
Ein Präsidentenzaun für 24 Mio. EuroVerband↑ zurück zum Text
[7] Berliner Zeitung, 02.09.2021
Bau der Zwischenunterkunft für den Bundespräsidenten kostet 137 Millionen EuroMedienbericht↑ zurück zum Text
[8] Berliner Zeitung, 14.09.2023
Geplantes Ausweichquartier für den Bundespräsidenten wird teurerMedienbericht↑ zurück zum Text
[9] Tagesspiegel (dpa), 25.02.2026
Schloss Bellevue wird teurer: Sanierung von Steinmeiers Amtssitz soll 601 Millionen kostenMedienbericht↑ zurück zum Text
[10] Volksstimme (dpa), 01.10.2026
Steuerzahlerbund rügt teuren Airport und Bellevue-SanierungMedienbericht↑ zurück zum Text
[11] Bundespräsidialamt, Stand 01.06.2026
Häufig gestellte Fragen zu den Baumaßnahmen am Berliner AmtssitzAmtliche Quelle↑ zurück zum Text
[12] ZDFheute, 12.07.2026
Faktencheck zum Sommerinterview mit Frank-Walter SteinmeierMedienbericht↑ zurück zum Text
[13] Berliner Zeitung, 21.09.2021
137 Millionen Euro: Braucht der Bundespräsident wirklich ein Ausweichquartier?Medienbericht↑ zurück zum Text
KORREKTUREN
Korrekturen
Keine Korrekturen seit der Veröffentlichung am 07.10.2026. Jede wesentliche Änderung erscheint hier mit Datum, Grund und altem Wortlaut.
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