HINTERGRUNDBUNDESHAUSHALT
Jetzt rechnet die Union nach – und stößt auf sich selbst
Fast jeder dritte Euro im Haushalt 2027 ist geliehen, die Zinsausgaben steigen in einem Jahr um 11,6 Milliarden. Der Wirtschaftsflügel der Unionsfraktion zieht daraus einen Schluss, der sich nicht nur gegen die SPD richtet, sondern auch gegen die eigenen Haushaltspolitiker.
Grundlage: Haushaltsentwurf 2027 und Finanzplan, Analyse des Bundesrechnungshofs vom 3. September 2026, Beschlüsse des Bundestages sowie ein Bericht der WELT vom 15. Oktober 2026 über eine Sitzung des Parlamentskreises Mittelstand.
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Inhalt
In Sitzungswochen trifft sich mittwochs der Vorstand des Parlamentskreises Mittelstand, in dem der Wirtschaftsflügel der Unionsfraktion organisiert ist. Nach dem Flyer der Fraktion gehören ihm 166 Abgeordnete an; den Vorsitz führt seit 2011 Christian von Stetten.[10][11] Am 14. Oktober 2026 ging es dort um den Bundeshaushalt. Die WELT hat über diese Sitzung berichtet und mehrere Teilnehmer zitiert.[1]
Dieser Beitrag gibt die Sitzung nur wieder, soweit die WELT sie berichtet, und kennzeichnet das an jeder Stelle. Die Zahlen, um die es geht, prüft er selbst nach.
11,6 Mrd. €
steigen die Zinsausgaben des Bundes allein von 2026 auf 2027
von 30,3 auf 41,9 Mrd. €, ein Plus von rund 38 Prozent[2][3]
80,7 Mrd. €
Zinsausgaben im Jahr 2030 nach dem Finanzplan
2028: 55,2 — 2029: 68,1[2]
32 %
der veranschlagten Ausgaben 2027 sind kreditfinanziert
Haushalt und Sondervermögen zusammen, Bundesrechnungshof[3]
Was in den Zahlen steht
Der Bundesrechnungshof hat seine Analyse zur Lage der Bundesfinanzen am 3. September 2026 vorgelegt. Darin rechnet er vor, dass Bundeshaushalt und die beiden Sondervermögen für Bundeswehr sowie Infrastruktur und Klimaneutralität im Jahr 2027 zusammen rund 32 Prozent der veranschlagten Ausgaben auf Kredit finanzieren. Die Nettokreditaufnahme im Kernhaushalt liegt bei 118,7 Milliarden Euro. Der Bericht hält fest, eine durchgreifende Konsolidierung sei nicht erkennbar, und beanstandet, dass mehr als ein Drittel des angekündigten Konsolidierungsbetrags im Entwurf nicht konkretisiert ist. Eine eingeplante Entnahme von sieben Milliarden Euro aus einer Rücklage existiere faktisch nicht.[3]
Mit diesem Satz fasst der Bundesrechnungshof seine Analyse zusammen.[3]
Die Zinsausgaben steigen nach dem Haushaltsentwurf von 30,3 Milliarden Euro im Jahr 2026 auf 41,9 Milliarden im Jahr 2027. Der Finanzplan führt die Reihe fort: 55,2 Milliarden 2028, 68,1 Milliarden 2029, 80,7 Milliarden 2030.[2] Während der Etat insgesamt um rund sechs Prozent wächst, legen die Zinsausgaben um gut 38 Prozent zu.[2] Für 2030 sieht der Bundesrechnungshof zudem die Gefahr, dass der Schuldenstand des Bundes auf drei Billionen Euro anwächst.[3]
Das Verhältnis, um das gestritten wird
Gegen diese Beträge stehen die geplanten Verbrauchsteuern. Die Zuckersteuer soll ab dem 1. Juli 2027 gelten, mit 26 Cent je Liter bei 5 bis unter 8 Gramm Zucker je 100 Milliliter und 32 Cent ab 8 Gramm; erwartet werden 690 Millionen Euro für 2027 und 925 Millionen für 2028.[4] Die Plastiksteuer sieht 550 Euro je Tonne Kunststoff in Verpackungen vor und soll ab 2028 rund 1,5 Milliarden Euro jährlich bringen.[5]
Zusammen sind das für 2028 rund 2,4 Milliarden Euro im Jahr. Der Zinsanstieg eines einzigen Jahres – von 2026 auf 2027 – beträgt 11,6 Milliarden Euro. Die beiden neuen Steuern decken davon gut ein Fünftel. Diese Gegenüberstellung ist eine Rechnung dieser Redaktion aus den amtlichen Zahlen; sie steht unter Methodik.
Genau an dieser Stelle setzt der Wirtschaftsflügel an. Nach dem Bericht der WELT sahen die Teilnehmer der Sitzung in den beiden Abgaben keine aussichtsreichen Einnahmequellen, weil sie als Lenkungssteuern angelegt sind: Hersteller würden Rezepturen ändern und Kunststoff ersetzen, so wie es nach vergleichbaren Steuern in Großbritannien geschehen sei – die Einnahmen also planmäßig zurückgehen, während der Unmut bleibe.[1]
Der Schatzmeister des Parlamentskreises, der CDU-Abgeordnete Lukas Krieger, sagte der WELT, man habe bei allen genannten Steuern „deutliche Vorbehalte“ und sehe Bedarf nachzusteuern. Höhere Steuern allein lösten das Problem nicht; gespart werden müsse mehr. Die vereinbarte Einsparung von zwei Prozent in den Ministeriumsetats hält er für zu wenig, nötig seien eher fünf.[1]
Der Hebel: eine Formulierungshilfe ist kein Gesetzentwurf
Bei der Zuckersteuer gibt es eine verfahrensrechtliche Besonderheit, die der Bericht der WELT herausarbeitet und die sich an der Kabinettsentscheidung nachvollziehen lässt. Das Kabinett hat am 14. Oktober 2026 keinen eigenen Gesetzentwurf beschlossen, sondern eine Formulierungshilfe für die Koalitionsfraktionen.[4] Eingebracht wird die Steuer also durch einen Antrag von Unionsfraktion und SPD, nicht durch die Bundesregierung.
Daraus ergibt sich ein Ansatzpunkt, den die WELT in ihrem Bericht beschreibt: Bringt die Unionsfraktion den Antrag nicht ein, kommt die Steuer für den Haushalt 2027 zeitlich nicht mehr zum Tragen. Der Vorsitzende von Stetten dringt dem Bericht zufolge darauf, die Verbrauchsteuerpläne zu kürzen, und nimmt dafür in Kauf, dass der Haushalt erst im Dezember statt bis Ende November steht.[1]
Der Konflikt geht auch nach innen
Das ist der Teil, der über den üblichen Koalitionsstreit hinausgeht. Nach dem Bericht halten die Haushaltspolitiker der eigenen Fraktion nichts von dem Vorstoß. Ihr Einwand: Das Ergebnis sei mit der SPD lange verhandelt und gegenüber dem Entwurf des Finanzministeriums bereits in Richtung der Expertenkommission verändert worden; es jetzt wieder aufzumachen, koste mehr an Vertrauen in der Koalition, als die Steuer wert sei. Aus dem eigenen Wahlkreis gebe es zu der Abgabe ohnehin keine Beschwerden.[1]
Damit stehen sich in derselben Fraktion zwei Lesarten gegenüber: Für den Wirtschaftsflügel ist die Steuer gemessen an der Haushaltslage ein schlechtes Geschäft, für die Haushaltspolitiker ist sie ein ausgehandeltes Ergebnis, dessen Aufkündigung teurer wäre als sein Ertrag. Entschieden ist das nicht.
Was unterdessen beschlossen wurde
Während über Zucker und Plastik gestritten wird, hat der Bundestag am Abend des 15. Oktober 2026 die stufenweise Erhöhung der Tabaksteuer beschlossen. Union und SPD stimmten dafür, alle übrigen Fraktionen dagegen, dazu zwei Abgeordnete aus der Unionsfraktion.[6][7][8] Für eine Schachtel mit 20 Zigaretten nennt der Entwurf einen durchschnittlichen Verkaufspreis von 8,77 Euro ab 2027, 9,56 Euro 2028, 10,42 Euro 2029 und 11,36 Euro 2030. Die Mehreinnahmen steigen von rund 756 Millionen Euro im Jahr 2027 auf 3,59 Milliarden Euro im Jahr 2030.[7][8] Betroffen sind auch Feinschnitt, Pfeifentabak, erhitzter Tabak, Wasserpfeifentabak und Substitute.[8]
Parallel liegt ein Referentenentwurf des Finanzministeriums vom 30. September 2026 vor, nach dem Kryptowerte künftig als Kapitalvermögen gelten und Gewinne daraus unabhängig von der Haltedauer mit 25 Prozent Abgeltungsteuer belegt würden, zusammen mit dem Solidaritätszuschlag 26,375 Prozent. Bis Ende 2026 erworbene Bestände sollen geschützt bleiben.[9] Der Wirtschaftsrat der CDU lehnt auch diese Pläne ab.[12]
Was offen ist
Ob die Unionsfraktion den Antrag zur Zuckersteuer tatsächlich zurückhält, ist offen; es gibt dazu keine Festlegung der Fraktionsspitze. Bei der Plastiksteuer hat Fraktionschef Thorsten Frei erklärt, der Entwurf sei in dieser Form nicht zustimmungsfähig – das ist eine Aussage über das Papier, nicht über die Abgabe.[5] Und der Haushalt 2027 ist nicht verabschiedet. Wie die Lücke geschlossen wird, die entstünde, wenn beide Steuern wegfielen, hat bislang niemand öffentlich beziffert.
Dieser Beitrag ist ein Hintergrund und enthält keine Bewertung. Die Angaben zur Sitzung des Parlamentskreises Mittelstand stammen aus einem Bericht der WELT vom 15. Oktober 2026 und sind im Text als solche gekennzeichnet; die Lupe hat sie nicht unabhängig bestätigen können. Alle übrigen Angaben sind gegen die genannten amtlichen Quellen geprüft.
METHODIK
Methodik
Zinsanstieg 2026 auf 2027: 41,9 − 30,3 = 11,6 Milliarden Euro. Die Werte stammen aus dem Haushaltsentwurf 2027 (Quelle 2).
Erwartete Einnahmen aus den beiden geplanten Verbrauchsteuern für 2028: 0,925 Milliarden Euro Zuckersteuer plus rund 1,5 Milliarden Euro Plastiksteuer ergeben rund 2,4 Milliarden Euro (Quellen 4 und 5).
Anteil am Zinsanstieg eines Jahres: 2,425 geteilt durch 11,6 ergibt 0,209, also gut ein Fünftel. Die beiden Größen beziehen sich auf verschiedene Jahre (Einnahmen 2028, Zinsanstieg 2026 auf 2027); der Vergleich ordnet die Größenordnung ein und ist keine Haushaltsrechnung.
Die Angaben zur Sitzung des Parlamentskreises Mittelstand sind nicht nachgerechnet worden, weil es sich um Aussagen von Teilnehmern handelt, nicht um Daten.
PRÜFUNG
Was vor der Veröffentlichung geprüft wurde
- Die Haushaltszahlen sind am 16. Oktober 2026 gegen den Haushaltsentwurf 2027, den Finanzplan und die Analyse des Bundesrechnungshofs vom 3. September 2026 geprüft. Der Beschluss zur Tabaksteuer ist gegen das Textarchiv des Bundestages und zwei Medienberichte geprüft.
- Der Bericht der WELT vom 15. Oktober 2026 ist die einzige Quelle für das, was in der Sitzung des Parlamentskreises Mittelstand gesagt wurde. Diese Angaben sind im Text durchgehend als Bericht der WELT gekennzeichnet. Eine zweite, unabhängige Quelle dafür gibt es nicht; die Lupe hat an der Sitzung nicht teilgenommen.
- Zum Umgang mit der Vorlage: Der Text der WELT ist weder übernommen noch umgeschrieben. Aus ihm stammen Sachangaben, in eigenen Worten zusammengefasst, und eine kurze wörtliche Wendung eines Abgeordneten, in Anführungszeichen und mit Zuschreibung. Wer die Sitzung im Original nachlesen will, findet sie bei der WELT.
- Die Zahlenangaben des in der Sitzung zitierten Berichts weichen leicht von den amtlichen Werten ab (41,8 statt 41,9 Milliarden Euro für 2027, 80,6 statt 80,7 Milliarden Euro für 2030). Dieser Beitrag nennt die amtlichen Werte.
- Nicht übernommen: die Aussage, die Zinsquote verdopple sich bis 2030. Sie ließ sich in der Analyse des Bundesrechnungshofs nicht belegen. Stattdessen stehen hier die absoluten Beträge, die im Haushaltsentwurf und im Finanzplan nachlesbar sind.
- Zur Tabaksteuer: Der Bundestag hat am 15. Oktober 2026 zugestimmt. Ob der Bundesrat bereits abschließend befasst ist, berichten die Quellen unterschiedlich; der Text sagt deshalb nur, dass der Bundestag beschlossen hat.
- Zu den Krypto-Plänen: Grundlage ist ein Referentenentwurf vom 30. September 2026. Das Jahr des Inkrafttretens wird in den Berichten unterschiedlich angegeben; der Text nennt deshalb keines.
- Der Vergleich zwischen den erwarteten Einnahmen aus Zucker- und Plastiksteuer und dem Zinsanstieg ist eine eigene Rechnung aus den genannten amtlichen Zahlen. Sie ist unter Methodik offengelegt und nachgerechnet.
QUELLEN
Quellen
Jede Nummer im Text führt zu ihrer Quelle. Die Herkunft steht an jedem Eintrag: amtlich, Medienbericht, Verband, Institut oder Datenportal.
[1] WELT, 15.10.2026
Nikolaus Doll: „Jetzt platzt in der Union ein Ventil“ — Bericht über die Sitzung des Parlamentskreises Mittelstand (Fassung vom 15.10.2026, der Redaktion als Druckfassung vorliegend)Medienbericht↑ zurück zum Text
[2] Deutscher Bundestag, 2026
Haushalt 2027: Zinsausgaben des Bundes steigen deutlich (heute im bundestag)Amtliche Quelle↑ zurück zum Text
[3] Bundesrechnungshof, 03.09.2026
Bericht nach § 88 Absatz 2 BHO: Analyse zur Lage der Bundesfinanzen für die Beratungen zum Bundeshaushalt 2027Amtliche Quelle↑ zurück zum Text
[4] taz, 14.10.2026
Kampf gegen Übergewicht: Bundesregierung will Zuckersteuer auf Getränke ab Mitte 2027Medienbericht↑ zurück zum Text
[5] dts Nachrichtenagentur, 14.10.2026
Unionsfraktion lehnt Entwurf für Plastiksteuer ab (mit den Eckwerten des Entwurfs)Medienbericht↑ zurück zum Text
[6] Deutscher Bundestag, 15.10.2026
Abstimmung über Erhöhung der Tabaksteuer (Textarchiv, 42. Kalenderwoche)Amtliche Quelle↑ zurück zum Text
[7] t-online, 16.10.2026
Bundestag beschließt neue TabaksteuerMedienbericht↑ zurück zum Text
[8] Kurierverlag, 16.10.2026
Teurere Zigaretten beschlossen: Der Bundestag stimmt für stufenweise Erhöhung der TabaksteuerMedienbericht↑ zurück zum Text
[9] Handelsblatt, 10/2026
Steuern: Finanzministerium plant Besteuerung von KryptowertenMedienbericht↑ zurück zum Text
[10] CDU/CSU-Bundestagsfraktion, 2025
Parlamentskreis Mittelstand — Die mittelstandspolitische Stimme (Flyer 2025, mit der Mitgliederzahl)Amtliche Quelle↑ zurück zum Text
[11] Konrad-Adenauer-Stiftung
Der Parlamentskreis Mittelstand der CDU/CSU-Fraktion (Vorsitz seit 2011)Institut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[12] t-online, 14.10.2026
CDU-Wirtschaftsrat lehnt Krypto-Steuerpläne abMedienbericht↑ zurück zum Text
KORREKTUREN
Korrekturen
Keine Korrekturen seit der Veröffentlichung am 16.10.2026. Jede wesentliche Änderung erscheint hier mit Datum, Grund und altem Wortlaut.