HINTERGRUNDCHRONOLOGIELARS KLINGBEIL
Klingbeil und die Antifa: Was er wann gesagt hat
Eine Aussage aus dem Jahr 2019 beschäftigt seitdem Medien und politische Gegner. Was belegt ist, was nicht, und was der Verfassungsschutz unter „Antifa“ versteht.
Grundlage: Recherche der Redaktion in den Originalquellen
3 Minuten Lesezeit14 Quellen0 Korrekturen
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Inhalt
Lars Klingbeil, heute Vizekanzler und Bundesfinanzminister, hat 2019 in einer ARD-Dokumentation über seinen Weg in die Politik gesprochen. Ein Halbsatz daraus wird seitdem immer wieder zitiert: Er sei „bei uns in der Antifa mit aktiv gewesen“. Dieser Überblick ordnet die Aussage und alles, was er später dazu gesagt hat, mit Datum und Quelle. Wo eine Quelle nur eine andere wiedergibt, steht das dabei.
Die Aussagen in zeitlicher Folge
| Datum | Quelle | Aussage | Einordnung |
|---|---|---|---|
| 02.12.2019 | ARD, Dokumentation „Die Notregierung – Ungeliebte Koalition“ von Stephan Lamby[1] | Er habe mit Politik angefangen, weil er sich gegen Rechts eingesetzt habe; er sei „bei uns in der Antifa mit aktiv gewesen“.[3] | Antwort auf die Frage, wie er zur Politik kam.[2] Die Sendung ist nicht mehr abrufbar; überliefert ist ein Ausschnitt bei NIUS mit einer Auslassung.[3] |
| 11.11.2021 | Jacobin, Porträt „Kompromissmaschine SPD“[4] | Klingbeil sei laut eigener Aussage in seiner Jugend Mitglied einer Antifa-Gruppe gewesen. | Wiedergabe ohne Quellenangabe. „Mitglied“ geht über seine eigene Formulierung hinaus.[4] |
| 11.09.2022 | Tagesschau, „Frag selbst“[6] | Er sei nie „organisiert“ gewesen. Jeder gute Demokrat solle Antifaschist sein; das habe er in seiner Jugend so gelebt, und das gelte bis heute.[5] | „Gilt bis heute“ bezieht sich auf die Haltung, nicht auf eine Mitarbeit in einer Gruppe.[5] |
| 24.03.2025 | taz FUTURZWEI, Kolumne von Udo Knapp[7] | Klingbeil habe sein politisches Leben als Schulsprecher und in der lokalen „Antifa“ begonnen. | Meinungsbeitrag ohne Quellenangabe; stützt sich erkennbar auf die Aussage von 2019.[7] |
| 26.04.2025 | DIE ZEIT, Interview[8] | Er wolle das „gar nicht dementieren“: „jeder vernünftige Demokrat sollte Antifaschist sein“. In der organisierten Antifa sei er nicht gewesen, das habe er „salopp dahergesagt“.[8] | Er verweist auf die Proteste gegen das Neonazi-Zentrum Hetendorf, die er als junger Juso mitorganisiert habe.[8] |
| 15.05.2025 | dpa-Faktencheck[5] | Geprüft wurde ein Sharepic, nach dem Klingbeil die Antifa als „demokratieschützend“ verteidigt haben soll. | Ergebnis: falsch. In der genannten Pressekonferenz hat er das Wort Antifa nicht benutzt.[5] |
Die späteren Darstellungen in Jacobin (2021) und taz (2025) nennen keine eigene Quelle und gehen erkennbar auf dieselbe Aussage von 2019 zurück. Sie sind keine unabhängige Bestätigung.
Der Hintergrund: Hetendorf
Das „Heideheim“ in Hetendorf Nr. 13 im Landkreis Celle, nicht weit von Klingbeils Heimatort Munster, war seit den 1980er Jahren ein rechtsextremes Schulungs- und Tagungszentrum. Ab 1991 fanden dort jährlich die „Hetendorfer Tagungswochen“ statt; der niedersächsische Verfassungsschutz beschrieb sie als Treffen mit rassistischen, den Holocaust leugnenden und den Nationalsozialismus verherrlichenden Inhalten. Die Tagungswoche im Juni 1996 wurde von zum Teil gewalttätigen Gegendemonstrationen begleitet.[9]
Im Februar 1998 verbot Niedersachsens Innenminister die beiden Trägervereine, das Grundstück wurde beschlagnahmt.[14][10] Klingbeil, Jahrgang 1978, ging damals noch zur Schule. Nach eigener Darstellung hat er den Protest gegen das Zentrum mitorganisiert.[8] Keine der geprüften Quellen bringt ihn mit Gewalt in Verbindung.
Was der Verfassungsschutz unter „Antifa“ versteht
Nach dem Bundesamt für Verfassungsschutz gibt es „die Antifa“ nicht als bundesweite, klar umgrenzte Organisation, sondern viele lokale Gruppen, die differenziert betrachtet werden müssen. Für die einen sei Antifaschismus ein demokratisches Grundprinzip, für Linksextremisten ein Kampfbegriff; der Begriff sei nicht ausschließlich linksextremistisch besetzt. Zugleich beschreibt das Amt gewaltorientierte linksextremistische Gruppen, die unter dem Namen Antifa auftreten, und warnt, dass Linksextremisten den Konsens gegen Rechtsextremismus nutzen wollen, um von Demokraten als Partner akzeptiert zu werden.[11]
Was er zu Gewalt gesagt hat
Politische Gewalt hat Klingbeil mehrfach allgemein abgelehnt. Als SPD-Generalsekretär nannte er es im Februar 2020 eine Schande, dass FDP-Politiker in Thüringen angegriffen wurden, und sagte: „Gewalt darf niemals Mittel der Politik sein.“[12] Im Bundestag forderte er im Mai 2024 in einer Debatte über Gewalt gegen Ehrenamtliche, Politiker und Einsatzkräfte, wer die Demokratie angreife, müsse sofort bestraft werden; er nannte dabei auch Angriffe auf Polizisten.[13]
Eine ausdrückliche Distanzierung speziell von militanten oder gewaltbereiten Antifa-Gruppen haben wir in den geprüften Quellen nicht gefunden.
Was offen ist
Offen ist der vollständige Wortlaut der Aussage von 2019, weil die Sendung nicht mehr abrufbar ist. Offen ist auch, welchen Zusammenhang Klingbeil mit „bei uns“ meinte: eine Gruppe, ein Bündnis oder die Proteste gegen Hetendorf. Seine späteren Erklärungen sprechen von Protesten und einer Haltung, nicht von einer Mitgliedschaft.[5][8]
METHODIK
Methodik
Geprüft wurden die Originalquellen, soweit abrufbar: Sendungsankündigung und Berichte zur ARD-Dokumentation, der überlieferte Ausschnitt, die Interviews in ZEIT und Tagesschau (nach dpa), die Beiträge in taz und Jacobin, der dpa-Faktencheck, die Darstellung des Bundesamts für Verfassungsschutz, die Verfassungsschutzberichte Niedersachsens zu Hetendorf sowie Äußerungen Klingbeils zu politischer Gewalt. Daten sind Erscheinungsdaten, nicht Änderungsdaten der Webseiten.
PRÜFUNG
Was vor der Veröffentlichung geprüft wurde
- Alle Aussagen wurden am 7. Oktober 2026 in den Originalquellen geprüft, soweit sie abrufbar sind.
- Die ARD-Dokumentation von 2019 ist nicht mehr abrufbar. Überliefert ist ein Ausschnitt von etwa acht Sekunden mit einer Auslassung (Quelle 3); der vollständige Satz ließ sich nicht prüfen.
- Die Aussage im Tagesschau-Interview von 2022 ist nach der Wiedergabe im dpa-Faktencheck zitiert (Quelle 5); das Video selbst wurde nicht angesehen.
- Eine ausdrückliche Distanzierung von militanten Antifa-Gruppen haben wir nicht gefunden. Die Suche konnte soziale Netzwerke und nicht digitalisierte Archive nicht vollständig erfassen.
QUELLEN
Quellen
Jede Nummer im Text führt zu ihrer Quelle. Die Herkunft steht an jedem Eintrag: amtlich, Medienbericht, Verband, Institut oder Datenportal.
[1] prisma, 02.12.2019
Die Notregierung – Ungeliebte Koalition: ARD-Doku von Stephan LambyMedienbericht↑ zurück zum Text
[2] nd, 05.12.2019
Lars Klingbeil: Die Antifa schlägt zurückMedienbericht↑ zurück zum Text
[3] NIUS, 12.06.2024
Hier erzählt SPD-Chef Klingbeil über seine Antifa-Vergangenheit (Ausschnitt aus der ARD-Dokumentation)Medienbericht↑ zurück zum Text
[4] Jacobin, 11.11.2021
Kompromissmaschine SPDMedienbericht↑ zurück zum Text
[5] dpa-Faktencheck, 15.05.2025
Falsches Zitat – Klingbeil bezog Stellung zu Unions-AnfrageMedienbericht↑ zurück zum Text
[6] tagesschau (YouTube), 11.09.2022
Eure Fragen an Lars Klingbeil, SPD | Frag selbst 2022Medienbericht↑ zurück zum Text
[7] taz FUTURZWEI, 24.03.2025
Kolumne: SPD und ihr Chef Lars Klingbeil – Der SachbearbeiterMedienbericht↑ zurück zum Text
[8] DIE ZEIT, 26.04.2025
Lars Klingbeil: „Man blickt anders auf das Leben, wenn man kurz vor der Klippe stand“ (Interview)Medienbericht↑ zurück zum Text
[9] Niedersächsischer Verfassungsschutz
Verfassungsschutzbericht Niedersachsen 1996Amtliche Quelle↑ zurück zum Text
[10] taz, 12.02.1998
Licht aus für Neonazi-HetendorfMedienbericht↑ zurück zum Text
[11] Bundesamt für Verfassungsschutz, Stand März 2026
Die „Antifa“: Antifaschistischer Kampf im LinksextremismusAmtliche Quelle↑ zurück zum Text
[12] SPD, 18.02.2020
Wir überlassen den Rechten nicht den Platz (Gespräch mit Lars Klingbeil)Institut oder Körperschaft↑ zurück zum Text
[13] Deutscher Bundestag, 16.05.2024
Plenarprotokoll 20/169, Aktuelle Stunde zu Gewalt gegen Ehrenamt, Politik und EinsatzkräfteAmtliche Quelle↑ zurück zum Text
[14] Niedersächsischer Verfassungsschutz
Verfassungsschutzbericht Niedersachsen 1998Amtliche Quelle↑ zurück zum Text
KORREKTUREN
Korrekturen
Keine Korrekturen seit der Veröffentlichung am 07.10.2026. Jede wesentliche Änderung erscheint hier mit Datum, Grund und altem Wortlaut.