Zum Inhalt springen

ABSTIMMUNGDEUTSCHLAND ENTSCHEIDETFRAGE 99

Soll Deutschland bei internationalen Krisen wirtschaftliche Sanktionen auch dann unterstützen, wenn dadurch zusätzliche Kosten für die heimische Wirtschaft entstehen?

Seit 2022 hat die EU 21 Sanktionspakete gegen Russland beschlossen. Die deutschen Exporte dorthin sanken von 26,6 Milliarden Euro 2021 auf vorläufig 6,9 Milliarden Euro 2025. Wie wirksam Sanktionen sind und was sie die eigene Wirtschaft kosten dürfen, ist umstritten.

Läuft

Teil der Reihe DEUTSCHLAND ENTSCHEIDET: Thema 20: Außenpolitik, Verteidigung und internationale Verantwortung · Ergebnisse ansehen

VOR DER STIMME


Die Fakten

Sanktionen der EU beschließt der Rat der EU. Dort sitzt für jeden Mitgliedstaat ein Minister. Zuerst legt der Rat in einem Beschluss fest, welche Haltung die Union zu einem Land oder einem Thema einnimmt. Solche Beschlüsse fasst er in der Regel einstimmig. Jeder Mitgliedstaat kann sie also aufhalten. Die wirtschaftlichen Maßnahmen erlässt der Rat danach als Verordnung. Dafür genügt eine qualifizierte Mehrheit: mindestens 55 Prozent der Staaten, die zusammen mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung vertreten. Eine Verordnung gilt in jedem Mitgliedstaat unmittelbar. [1] In Deutschland erteilt das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle Genehmigungen und nimmt Meldungen entgegen. Für den Kapital- und Zahlungsverkehr ist die Bundesbank zuständig. Wer gegen ein Sanktionsverbot verstößt, dem drohen drei Monate bis fünf Jahre Freiheitsstrafe, in besonders schweren Fällen bis zehn Jahre. [2] Beim Zoll ermittelt eine Zentralstelle für Sanktionsdurchsetzung Gelder und Vermögen gelisteter Personen und stellt sie sicher. [3][4]

Gegen Russland hat die EU seit 2022 21 Sanktionspakete beschlossen, das letzte am 23.07.2026. [5][6] Am 12.10.2026 setzte sie weitere 1.646 Personen und Organisationen auf ihre Liste, so viele wie noch nie auf einmal. Die meisten gehören zur russischen Rüstungsindustrie. Ihr Vermögen in der EU ist eingefroren. [6][7] Die Wirtschaftssanktionen hat der Rat im Juni 2026 bis zum 31.07.2027 verlängert. [5] Verboten ist unter anderem die Ausfuhr von Gütern, die auch militärisch nutzbar sind, von Technik für Luftfahrt, Elektronik und IT sowie von Luxusgütern. Eisen und Stahl aus Russland dürfen nicht eingeführt werden. Im April 2026 nutzte die EU erstmals ein Instrument gegen die Umgehung über Drittstaaten. Seitdem dürfen bestimmte Werkzeugmaschinen und Kommunikationstechnik nicht mehr nach Kirgisistan geliefert werden. [6] Den Ausstieg aus russischem Erdgas regelt die EU nicht als Sanktion, sondern mit einer Verordnung von Parlament und Rat. Die Einfuhr ist seit dem 18.03.2026 verboten, für bestehende langfristige Verträge gelten Übergangsfristen bis 2027. [6]

Sanktionen gibt es auch in anderen Krisen. Gegen Belarus gelten ebenfalls weitreichende Handels- und Finanzverbote. Anlass sind die Lage im Land und seine Beteiligung an Russlands Angriff. [8] Gegen Iran hat die EU im Herbst 2025 Sanktionen wegen seines Atomprogramms wieder in Kraft gesetzt. [9]

2021 exportierte Deutschland Waren für 26,6 Milliarden Euro nach Russland. Importiert wurden Waren für 33,1 Milliarden Euro, mehr als die Hälfte davon Öl und Gas. [10] 2025 waren es nach vorläufigen Zahlen noch 6,9 und 1,3 Milliarden Euro. [11] Dass sich die Exporte schon 2022 fast halbierten, lag nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auch an den Sanktionen. [10] Für die Sanktionen, die seit 2014 galten, rechnete das ifo Institut 2020 mit einem Modell: Würde die EU ihre Sanktionen einseitig aufheben, stiege die deutsche Wirtschaftsleistung um 0,16 Prozent. Das sind 5,42 Milliarden Euro. [12] In einer Umfrage der DIHK unter 2.400 auslandsaktiven Unternehmen im Februar 2026 nannten 30 Prozent derer, die wachsende Handelshemmnisse spüren, Sanktionen als Hemmnis. 73 Prozent von ihnen spüren das besonders im Russlandgeschäft. [9]

Der Bundesnachrichtendienst schrieb im März 2026, die Sanktionen gegen Russland entfalteten „weitreichende Wirkung“. Russland müsse sein Öl mit erheblichem Abschlag verkaufen. Den Einbruch der Einnahmen aus Öl und Flüssigerdgas führt der Dienst vor allem auf Sanktionen der USA zurück. Das Defizit im russischen Haushalt 2025 liege rund 41,8 Prozent über der offiziellen Angabe. [13] Eine Studie mehrerer Ökonomen fand 2024: Die Sanktionen verringerten Russlands Handel mit den Staaten, die sie verhängt haben, messbar, im Durchschnitt aber relativ wenig. Möglicherweise gesunkene Handelskosten mit Indien, China und der Türkei könnten die Folgen ausgleichen. [14] Eine weltweite Datenbank zu Sanktionen der Jahre 1950 bis 2015 kommt auf eine Erfolgsquote von rund 30 Prozent der verfolgten Ziele. [15]

Was dafür spricht

  • Außenminister Johann Wadephul (CDU) sagte am 12.10.2026 zu den neuen Listungen: „Wir erhöhen den Druck, bis Putin bereit ist, ernsthaft über Frieden in der Ukraine zu verhandeln.“ Die Bundesregierung habe sich besonders für Listungen von Drohnenherstellern eingesetzt. [7]
  • Der Industrieverband BDI schreibt: „Auf diesen eklatanten Völkerrechtsbruch gibt es nur eine unmissverständliche Antwort: umfassende Sanktionen und entschlossene Unterstützung der Ukraine.“ Schon im März 2022 unterstützten BDI und IG Metall in einer gemeinsamen Erklärung die Sanktionen gegen Russland mit Nachdruck. [16]
  • Die Grünen verlangen, entschlossener gegen Russlands Schattenflotte vorzugehen und Sanktionen konsequent durchzusetzen. Mit diesen Tankern umgehe Russland Sanktionen beim Ölexport. Ihr Antrag vom April 2026 sieht „weiterhin erhebliche Defizite bei der Durchsetzung geltenden Rechts und verhängter Sanktionen“. Reguläre Reedereien trügen hohe Kosten, auch für die Einhaltung von Sanktionen. Die Schattenflotte arbeite dagegen über Briefkastenfirmen. [17]

Was dagegen spricht

  • Die AfD-Fraktion verlangt, dass sich die Bundesregierung in einer Energiekrise für das Aussetzen oder Aufheben von Sanktionen einsetzt, wenn diese die Energiepreise erheblich erhöhen. Dass Energie aus einem sanktionierten Staat über einen anderen Staat bezogen werden dürfe, „verteuert den Energiebezug nur vollkommen unnötig auf Kosten der deutschen Wirtschaft und zeigt die Wirkungslosigkeit der Sanktionen“. [18]
  • Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte im November 2025: „Wir müssen die Sanktionen gegen Russland auch aus dem eigenen ökonomischen Interesse betrachten“. Und: „Unser Interesse muss sein, nach einem Waffenstillstand wieder in Energielieferungen aus Russland einzutreten.“ Diese Position hat er schon mehrfach vertreten. [19]
  • Das Bündnis Sahra Wagenknecht verlangte im Februar 2025 ein Ende der Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Es hält es für „längst erwiesen“, dass sie Deutschland viel mehr schaden als Russland. Diesen Kurs fortzusetzen, sei „unvernünftig“. [20]

ABSTIMMEN


Ihre Stimme

Soll Deutschland bei internationalen Krisen wirtschaftliche Sanktionen auch dann unterstützen, wenn dadurch zusätzliche Kosten für die heimische Wirtschaft entstehen?

LIVE


Das Ergebnis

Noch kein Zwischenstand. Stand

Aktualisiert sich alle 15 Sekunden.

METHODE


So zählen wir

Dies ist ein Stimmungsbild unserer Leserinnen und Leser, keine repräsentative Umfrage. Wer abstimmt, entscheidet selbst, ob er teilnimmt. Das Ergebnis sagt deshalb nicht, was alle Menschen in Deutschland denken.

Abstimmen können Sie einmal am Tag, ohne Anmeldung und ohne E-Mail-Adresse. Dafür merkt sich Ihr Browser den Tag Ihrer Stimme, und je Internetanschluss zählen wir am Tag höchstens 20 Stimmen. Gespeichert wird nur, wie viele Stimmen jede Antwort hat. Wer wie abgestimmt hat, speichern wir nicht.

Während die Abstimmung läuft, zeigen wir nur die Anteile, und zwar ab 50 Stimmen; vorher wäre ein Zwischenstand Zufall. Die Zahl der Stimmen geben wir am Ende der Abstimmung bekannt.

Wer es darauf anlegt, kann die Sperre umgehen, etwa mit einem zweiten Gerät. Ganz ausschließen lässt sich Manipulation bei offenen Online-Abstimmungen nicht.

BELEGE


Quellen

  1. [1] Europäische Union, 07.06.2016

    Konsolidierte Fassungen des Vertrags über die Europäische Union (Art. 16, 29 und 31) und des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (Art. 215 und 288), ABl. C 202

    Amtliche Quelle

  2. [2] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

    Außenwirtschaftsgesetz (AWG), §§ 13 und 18

    Amtliche Quelle

  3. [3] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

    § 1 Sanktionsdurchsetzungsgesetz (Aufgaben der Zentralstelle für Sanktionsdurchsetzung)

    Amtliche Quelle

  4. [4] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

    § 5a Finanzverwaltungsgesetz (Aufgaben und Gliederung der Generalzolldirektion)

    Amtliche Quelle

  5. [5] Rat der Europäischen Union, 2026

    Timeline – EU sanctions against Russia

    Amtliche Quelle

  6. [6] Germany Trade & Invest (GTAI), 2026

    EU-Sanktionen gegenüber Russland

    Amtliche Quelle

  7. [7] Auswärtiges Amt, 12.10.2026

    Statement von Außenminister Wadephul zur Verabschiedung neuer EU-Sanktionen gegen Russland

    Amtliche Quelle

  8. [8] Deutsche Bundesbank, 2026

    Finanzsanktionen, Sanktionsregime Belarus

    Amtliche Quelle

  9. [9] Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK), 2026

    Going International 2026: Erfahrungen und Perspektiven der deutschen Wirtschaft im Auslandsgeschäft

    Verband

  10. [10] Statistisches Bundesamt, 11.06.2025

    Deutschland importiert 95 % weniger Waren aus Russland als vor dem Krieg in der Ukraine, Pressemitteilung N032

    Datenportal

  11. [11] Statistisches Bundesamt, 06.02.2026

    Exporte im Dezember 2025: +4,0 % zum November 2025, Pressemitteilung 042

    Datenportal

  12. [12] ifo Zentrum für Außenwirtschaft, 10.2020

    Die volkswirtschaftlichen Kosten der Sanktionen in Bezug auf Russland, Executive Summary

    Institut oder Körperschaft

  13. [13] Bundesnachrichtendienst, 04.03.2026

    Russische Wirtschaft in roten Zahlen: Sanktionen wirken, Defizit steigt deutlich, Investitionsstandort wird zum unwägbaren Risiko

    Amtliche Quelle

  14. [14] Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), 07.2024

    The Global Sanctions Data Base – Release 4: The Heterogeneous Effects of the Sanctions on Russia, Working Paper 681/2024

    Institut oder Körperschaft

  15. [15] Felbermayr, Kirilakha, Syropoulos, Yalcin, Yotov, 14.10.2019

    The Global Sanctions Data Base, Arbeitspapier, erschienen in European Economic Review 129 (2020), S. 2 und 18

    Institut oder Körperschaft

  16. [16] Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI)

    Russland-Ukraine-Krieg: Angriff auf Europas Sicherheit und Werte

    Verband

  17. [17] Deutscher Bundestag, 14.04.2026

    Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen „Die russische Schattenflotte entschlossen bekämpfen“, Drucksache 21/5330, S. 1 f.

    Amtliche Quelle

  18. [18] Deutscher Bundestag, 10.09.2026

    Antrag der Fraktion der AfD „Industrie und Mittelstand retten – Sanktionen in Krisenzeiten aufheben“, Drucksache 21/7951, S. 2 f.

    Amtliche Quelle

  19. [19] Handelsblatt, 15.11.2025

    Gaslieferungen: Kretschmer will Rückkehr zu Energie aus Russland

    Medienbericht

  20. [20] Bündnis Sahra Wagenknecht, 14.02.2025

    Wir stehen zu unserem Versprechen!

    Institut oder Körperschaft