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ABSTIMMUNGDEUTSCHLAND ENTSCHEIDETFRAGE 97

Soll Deutschland einen verpflichtenden Wehr- oder Gesellschaftsdienst für junge Erwachsene einführen?

Seit Januar 2026 müssen junge Männer ab Jahrgang 2008 einen Fragebogen der Bundeswehr ausfüllen, auch die Musterung ist für sie wieder Pflicht. Der Wehrdienst selbst ist freiwillig. Ende August 2026 dienten im Neuen Wehrdienst rund 11.400 Menschen. Für eine Dienstpflicht aller jungen Erwachsenen müsste nach überwiegender Rechtsauffassung das Grundgesetz geändert werden.

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Teil der Reihe DEUTSCHLAND ENTSCHEIDET: Thema 20: Außenpolitik, Verteidigung und internationale Verantwortung · Ergebnisse ansehen

VOR DER STIMME


Die Fakten

Das Grundgesetz erlaubt, Männer ab 18 Jahren zum Dienst in den Streitkräften zu verpflichten. Wer den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen verweigert, kann zu einem Ersatzdienst verpflichtet werden. Frauen können nur im Verteidigungsfall zu zivilen Diensten im Sanitäts- und Heilwesen und in Lazaretten herangezogen werden, wenn sich nicht genug Freiwillige finden. Zum Dienst mit der Waffe dürfen sie auf keinen Fall verpflichtet werden. Sonst darf niemand zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer bei einer herkömmlichen Dienstpflicht, die für alle gleich gilt. [1] Seit 2011 ist die Pflicht zum Grundwehrdienst ausgesetzt. Die Wehrpflicht für Männer besteht aber fort. [2]

Seit dem 01.01.2026 gilt das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz. Junge Menschen bekommen mit 18 Jahren einen Fragebogen der Bundeswehr zu Interesse und Eignung. Männer ab Jahrgang 2008 müssen ihn ausfüllen, für Frauen ist er freiwillig. Für diese Männer ist auch die Musterung wieder Pflicht, also die ärztliche Untersuchung auf Tauglichkeit. Der freiwillige Wehrdienst dauert sechs bis elf Monate. Erfordern die verteidigungspolitische Lage oder die Personallage der Streitkräfte es, entscheidet der Bundestag mit einem eigenen Gesetz über eine Bedarfswehrpflicht, also eine Wehrpflicht nach dem Bedarf der Streitkräfte. Gibt es dann mehr Geeignete als nötig, ist als letztes Mittel eine Auswahl per Zufall möglich. Bis 2035 soll die Bundeswehr auf 255.000 bis 270.000 aktive Soldaten wachsen, dazu kommen mindestens 200.000 Reservisten. [3] Der Bundestag beschloss das Gesetz am 05.12.2025 mit 323 zu 272 Stimmen bei einer Enthaltung. CDU/CSU und SPD stimmten dafür, AfD, Grüne und Linke dagegen. [4]

Bis Ende August 2026 verschickte die Bundeswehr über 451.400 Fragebögen. Rund 96 Prozent der Männer antworteten, bei Frauen und Personen anderen Geschlechts waren es rund 3,5 Prozent. Zum selben Stichtag leisteten rund 11.400 Menschen den Neuen Wehrdienst, als Freiwillig Wehrdienstleistende oder kurz dienende Zeitsoldaten. Das waren rund 6 Prozent mehr als Freiwillig Wehrdienstleistende ein Jahr zuvor. Die Bundeswehr hatte rund 186.400 aktive Soldaten. [5] Für 2026 sieht das Gesetz einen Korridor von 186.000 bis 190.000 vor. [3] Ab Juli 2027 sollen alle 18-jährigen Männer gemustert werden, in 24 Musterungszentren. [5] Diese sollen einen ganzen Jahrgang von rund 300.000 Wehrpflichtigen mustern können. [6] Rund 90.000 Menschen leisten jedes Jahr einen Freiwilligendienst. In den Jugendfreiwilligendiensten wie dem Freiwilligen Sozialen Jahr sind es knapp 55.000 junge Menschen. [7] Im Bundesfreiwilligendienst waren 2025 im Monatsdurchschnitt 33.240 Menschen tätig. [8]

Auch eine Wehrpflicht für Frauen erfordert eine Änderung des Grundgesetzes. Dafür sind zwei Drittel der Mitglieder des Bundestages und zwei Drittel der Stimmen im Bundesrat nötig. [1] Eine allgemeine Dienstpflicht, etwa in sozialen Einrichtungen, wäre nach überwiegender Auffassung in der Rechtswissenschaft keine herkömmliche Dienstpflicht. Auch sie bräuchte deshalb eine Änderung des Grundgesetzes. Eine Gegenmeinung will einen solchen Dienst ohne Verfassungsänderung über die Schule einführen. Die Europäische Menschenrechtskonvention verbietet Zwangsarbeit. Ausgenommen sind Wehr- und Ersatzdienst, Dienste bei Notständen und Katastrophen sowie übliche Bürgerpflichten. Ein allgemeiner Pflichtdienst fällt nach überwiegender Auffassung nicht darunter, auch nicht nach einer Änderung des Grundgesetzes. [9]

Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD sieht einen Wehrdienst vor, „der zunächst auf Freiwilligkeit basiert“. [10] Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr ist darin nicht vorgesehen. [11] Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte im Bundestag, reiche die Freiwilligkeit nicht und entwickle sich die Bedrohungslage weiter so oder schlechter, komme man um eine Teilwehrpflicht nicht herum. [4] Das Familienministerium arbeitet an einem Gesamtkonzept. Es soll einen gegebenenfalls nötigen Zivildienst vorbereiten. Einen ersten Gesetzentwurf hatte die Bundesregierung für den Sommer 2026 angekündigt. [12] Am 07.10.2026 sagte Familienministerin Karin Prien (CDU) laut dpa, der Entwurf komme „in den nächsten Wochen“. Er soll einen freiwilligen Gesellschaftsdienst schaffen, faktisch mit Rechtsanspruch. Eine Pflicht sei nicht geplant, eine Mehrheit für eine Änderung des Grundgesetzes sehe sie derzeit nicht. Zugleich nannte sie einen verpflichtenden Gesellschaftsdienst zeitgemäßer als nur einen Wehrdienst. [13]

Was dafür spricht

  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im November 2025: „Nach meiner Überzeugung wäre langfristig eine ‚Pflichtzeit für alle‘ am gerechtesten“. Die einen sollten sie bei der Bundeswehr leisten, die anderen in sozialen Bereichen. [14]
  • Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sprach sich im Oktober 2025 in der ARD-Sendung „Caren Miosga“ für ein allgemeines Pflichtjahr in Deutschland aus. Dafür brauche es eine Änderung des Grundgesetzes. [15]
  • Der Wehrbeauftragte Henning Otte im Jahresbericht 2025: „Sollte das derzeitige Modell der Freiwilligkeit tatsächlich nicht genügend Aufwuchs bringen, ist die Rückkehr zu einer Wehrpflicht der konsequente nächste Schritt.“ Mit dem dann nötigen Ersatzdienst biete sich die Gelegenheit, „ein modernes Pflichtdienstmodell zu schaffen“. [16] Der AfD-Abgeordnete Heinrich Koch forderte im Bundestag „eine echte Wehrpflicht als Gemeinschaftsdienst mit klaren Regeln“. [4]

Was dagegen spricht

  • Daniela Broda, Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings, im August 2026: „Grundsätzlich lehnt der Bundesjugendring verpflichtende Dienste aber ab, militärisch wie zivil. Engagement kann nicht erzwungen werden.“ Der Verband fordert einen Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienst. [17]
  • Der Paritätische Gesamtverband „lehnt einen verpflichtenden zivilen Dienst grundsätzlich ab“, so ein Beschluss seines Verbandsrats vom September 2025. [18] Der Deutsche Caritasverband lehnt ein gesellschaftliches Pflichtjahr ab. Beide Verbände fordern einen Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienst. [18][19]
  • Die Grünen-Abgeordnete Nyke Slawik sagte im Dezember 2025 im Bundestag, sie glaube, dass sich im schlimmsten Fall genug Menschen zur Verteidigung des Landes bereitfinden. Dafür brauche es „keine Pflichtdienste“. Für die Linke lehnt Desiree Becker die Wehrpflicht und „jedes verpflichtende Gesellschaftsjahr“ ab: In der Pflege fehlten gut ausgebildete und gut bezahlte Fachkräfte, nicht junge Menschen unter Zwang. [4]

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BELEGE


Quellen

  1. [1] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

    Grundgesetz, Art. 12 Abs. 2 und 3, Art. 12a Abs. 1, 2 und 4 und Art. 79 Abs. 2

    Amtliche Quelle

  2. [2] Bundesregierung, 29.09.2025

    Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Wehrdienstes (Wehrdienst-Modernisierungsgesetz – WDModG), Drucksache 21/1853 (S. 1)

    Amtliche Quelle

  3. [3] Bundesgesetzblatt, 22.12.2025

    Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes (Wehrdienst-Modernisierungsgesetz – WDModG), BGBl. 2025 I Nr. 370 (Art. 1: §§ 2, 2a, 15a, 16, 17 WPflG; Art. 3: §§ 58b, 58i, 91 SG; Art. 20)

    Amtliche Quelle

  4. [4] Deutscher Bundestag, 05.12.2025

    Plenarprotokoll 21/48 (S. 5618 bis 5627, 5641)

    Amtliche Quelle

  5. [5] Bundesministerium der Verteidigung, 18.09.2026

    Bundeswehr weiter auf gesetzlich festgelegtem Aufwuchspfad (Pressemitteilung)

    Amtliche Quelle

  6. [6] Bundesregierung, 07.09.2026

    Antwort „Umsetzung des Wehrdienst-Modernisierungsgesetzes im zweiten Quartal 2026“, Drucksache 21/7894 (S. 6)

    Amtliche Quelle

  7. [7] Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend

    Freiwilligendienste

    Amtliche Quelle

  8. [8] Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, 01.01.2026

    BFD im Dienst 2025 (Jahresstatistik Bundesfreiwilligendienst)

    Datenportal

  9. [9] Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste, 17.03.2023

    Allgemeine Dienstpflicht: Aktualisierung der Dokumentation WD 3 - 3000 - 043/22, WD 3 - 3000 - 031/23 (S. 4 bis 7)

    Institut oder Körperschaft

  10. [10] CDU, CSU und SPD, 05.05.2025

    Verantwortung für Deutschland: Koalitionsvertrag für die 21. Legislaturperiode (S. 130, Z. 4149)

    Institut oder Körperschaft

  11. [11] Bundesregierung, 23.09.2025

    Antwort „Zahlen von Freiwilligendiensten und die Auswirkungen geplanter Haushaltskürzungen“, Drucksache 21/1814 (S. 6)

    Amtliche Quelle

  12. [12] Bundesregierung, 11.05.2026

    Antwort „Vorhabenplanung des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend für das Jahr 2026“, Drucksache 21/5896 (S. 5)

    Amtliche Quelle

  13. [13] Weinheimer Nachrichten/Odenwälder Zeitung (dpa), 07.10.2026

    Prien: Gesetz für Gesellschaftsdienst soll kommen

    Medienbericht

  14. [14] Bundespräsident, 12.11.2025

    Rede beim Feierlichen Gelöbnis am 70. Gründungstag der Bundeswehr (S. 3)

    Amtliche Quelle

  15. [15] ARD, Das Erste (NDR), 05.10.2025

    Caren Miosga: Wo bleibt der Ruck für Reformen, Herr Bundeskanzler? (Sendung mit Friedrich Merz, ab Minute 12)

    Medienbericht

  16. [16] Deutscher Bundestag, 03.03.2026

    Unterrichtung durch den Wehrbeauftragten: Jahresbericht 2025 (67. Bericht), Drucksache 21/4200 (S. 7, 17)

    Amtliche Quelle

  17. [17] Deutscher Bundesjugendring, 21.08.2026

    Zivildienst: Engagement stärken statt erzwingen

    Verband

  18. [18] Der Paritätische Gesamtverband, 19.09.2025

    Freiwilligkeit statt Pflicht: Positionierung des Paritätischen Gesamtverbandes zur möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht und des Zivildienstes (S. 1 und 2)

    Verband

  19. [19] Deutscher Caritasverband (Lobbyregister des Deutschen Bundestages), 14.08.2025

    Stellungnahme SG2509010027 zum Regelungsvorhaben „Einführung Rechtsanspruch Freiwilligendienste mit staatlich finanziertem Freiwilligengeld auf BAFÖG Niveau“

    Verband