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ABSTIMMUNGDEUTSCHLAND ENTSCHEIDETFRAGE 95

Soll die weitere Aufnahme von Staaten in die EU stärker von vorherigen institutionellen Reformen der Union abhängig gemacht werden?

Über jede Aufnahme in die EU entscheiden alle Mitgliedstaaten einstimmig, danach müssen alle den Beitrittsvertrag ratifizieren. Montenegro hat 21 von 33 Verhandlungskapiteln vorläufig abgeschlossen und will die Verhandlungen bis Ende 2026 abschließen. Strittig ist, ob die EU vorher ihre Abstimmungsregeln und Institutionen ändern muss.

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Teil der Reihe DEUTSCHLAND ENTSCHEIDET: Thema 19: Europäische Union und europäische Zusammenarbeit · Ergebnisse ansehen

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Die Fakten

Jeder europäische Staat, der die Werte der EU achtet und fördert, kann die Mitgliedschaft beantragen. Der Rat entscheidet darüber einstimmig, nach Anhörung der Kommission und mit Zustimmung des Europäischen Parlaments. Die Bedingungen und die nötigen Anpassungen der EU-Verträge regelt ein Beitrittsvertrag. Alle Mitgliedstaaten müssen ihn nach ihrem Verfassungsrecht ratifizieren, also förmlich billigen. [1] In Frankreich braucht es dafür eine Mehrheit von drei Fünfteln im Parlament oder eine Volksabstimmung. [2] Die Kandidaten müssen die Kopenhagener Kriterien von 1993 erfüllen: stabile Demokratie und Rechtsstaat, eine funktionsfähige Marktwirtschaft und die Übernahme des gesamten EU-Rechts. Der Europäische Rat nannte damals auch die „Fähigkeit der Union, neue Mitglieder aufzunehmen, dabei jedoch die Stoßkraft der europäischen Integration zu erhalten“. Diese Bedingung wurde nach Angaben des Auswärtigen Amts lange als das „vergessene Kriterium“ bezeichnet. [3]

Zehn Staaten streben in die EU, neun davon sind Kandidaten. [4] Am weitesten ist Montenegro. Es hat bis zum 12.10.2026 alle 33 Verhandlungskapitel eröffnet und 21 vorläufig abgeschlossen. [5] Es verhandelt seit 2012, seit Mai 2026 entwirft eine Arbeitsgruppe des Rates den Beitrittsvertrag. [6] Albanien hat ebenfalls alle 33 Kapitel eröffnet und 4 vorläufig abgeschlossen. [7] Montenegro will die Verhandlungen bis Ende 2026 abschließen, Albanien bis Ende 2027. [8] Die Kapitel sind in sechs Gruppen gebündelt, sogenannte Cluster. Mit der Ukraine und Moldau verhandelt die EU seit Juni 2026 über die Grundlagen, seit Juli auch über die Außenbeziehungen. [9][10] Nach einem Bericht der Kyiv Post stimmten am 12.10.2026 alle 27 Staaten zu, mit beiden Ländern auch über Binnenmarkt und Wettbewerbsfähigkeit zu verhandeln. Ungarn hatte das zuvor viermal blockiert. [11]

2023 vereinbarten die Staats- und Regierungschefs in Granada, dass sich Kandidaten und EU parallel vorbereiten. Im März 2024 legte die Kommission dazu ein Arbeitsprogramm vor. [12] Eine von Deutschland und Frankreich eingesetzte unabhängige Expertengruppe hielt die EU im September 2023 noch nicht für bereit, neue Mitglieder aufzunehmen. Sie schlug vor, dass EU und Kandidaten bis 2030 bereit sein sollen. [13] Am 06.10.2026 legte die Kommission ihre Prüfung vor. Danach kann die EU mit gezielten Anpassungen im geltenden Vertragsrahmen und über die Beitrittsverträge mehr Mitglieder aufnehmen. Sie empfiehlt, dass der Rat über die Eröffnung von Clustern mit qualifizierter Mehrheit statt einstimmig entscheidet; der Beitritt selbst bliebe einstimmig. Beitrittsverträge sollen Schutzklauseln enthalten. Bei besonders schweren Verstößen gegen die Grundwerte könnte ein neues Mitglied sein Stimmrecht im Rat zeitweise verlieren. Im Erweiterungspaket 2026 will die Kommission Fahrpläne für Montenegro, Albanien, Moldau und die Ukraine vorlegen. [12]

Die wichtigsten Folgen für den Haushalt erwartet die Kommission bei den Ausgaben für Landwirtschaft, Inneres und Kohäsionspolitik, also die Förderung ärmerer Regionen. Für die Ukraine will sie Regeln prüfen, die Agrarhilfen und Marktzugang für empfindliche Agrarprodukte deutlich begrenzen. [12] Die Ukraine würde die landwirtschaftliche Fläche der EU um ein Viertel vergrößern. [2] Das Institut der deutschen Wirtschaft schätzte 2024: Wäre die Ukraine im Finanzrahmen 2021 bis 2027 schon Mitglied, stünden ihr 125 bis 187 Milliarden Euro zu. Je nach Annahmen entfielen davon 68 bis 93 Milliarden Euro auf Agrarhilfen und 50 bis 87 Milliarden Euro auf die Kohäsionspolitik. [14]

Für die Bundesregierung ist die Aufnahmefähigkeit der EU ebenso maßgeblich wie die Beitrittsfähigkeit der Kandidaten. [3] CDU, CSU und SPD wollen Kandidaten schrittweise einbinden, etwa mit Beobachterstatus in Parlament und Rat, ohne Abstriche bei den Kriterien. Zugleich soll die EU erweiterungsfähig werden, indem der parallel laufende Reformprozess zu Ergebnissen führt. [15] Bundeskanzler Friedrich Merz schlug 2026 vor, die Ukraine als assoziiertes Mitglied ohne Stimmrecht in die EU-Organe einzubinden. [16] Die Grünen wollen die EU parallel zur Erweiterung reformieren und die Einstimmigkeit in allen Politikbereichen durch Mehrheitsentscheidungen ersetzen. [17] Die Linke will eine solidarische Erweiterung; um erweiterungsfähig zu werden, brauche auch die EU Reformen. [18] Die AfD-Fraktion lehnt einen Beitritt der Ukraine ab und schlägt eine privilegierte Partnerschaft ohne Mitgliedschaft vor. [19]

Was dafür spricht

  • Für CDU, CSU und SPD müssen Erweiterung und Aufnahmefähigkeit Hand in Hand gehen. Im Koalitionsvertrag heißt es: „Deshalb brauchen wir spätestens mit der nächsten Erweiterung eine innere Konsolidierung und Reform der EU, die sie institutionell stärkt.“ [15]
  • Das Europäische Parlament hielt es im Oktober 2025 für nötig, auf die Folgen jeder Erweiterung „rechtzeitig – möglichst vor dem Beitritt der Bewerberländer –“ zu reagieren. Jeder bisherigen Erweiterung seien die nötigen institutionellen Reformen vorausgegangen oder sie hätten sie begleitet. [4]
  • Die deutsch-französische Expertengruppe warnte 2023, Vetorechte für bis zu zehn neue Mitglieder könnten die EU lähmen. Vor der nächsten Erweiterung sollten alle verbleibenden Sachentscheidungen im Rat mit qualifizierter Mehrheit fallen. [13]

Was dagegen spricht

  • Die EU-Kommission hält eine Erweiterung mit gezielten Anpassungen im geltenden Vertragsrahmen und über die Beitrittsverträge für möglich. Vertragsänderungen unterstützt sie, wo sie nötig sind. EU und Kandidaten sollen sich parallel vorbereiten. Das Tempo der Verhandlungen hängt weiter von den Reformen der Kandidaten ab. [12]
  • Ivanna Klympush-Tsintsadze, Vorsitzende des Europaausschusses im ukrainischen Parlament, sagte im Dezember 2025, Reformen der EU sollten keine Vorbedingung sein. Sie müssten parallel zu den Reformen der Kandidaten laufen: Die Kandidaten erledigten ihre Arbeit, und die EU müsse bereit sein, wenn diese Arbeit getan ist. [20]
  • Forscher der Stiftung Wissenschaft und Politik sehen bei einem Beitritt allein Montenegros keinen sofortigen Reformbedarf: „Eine unmittelbare Reformnotwendigkeit wäre aus dieser Perspektive noch nicht gegeben.“ Anders sei es, wenn die Ukraine oder mehr als zwei kleinere Staaten beitreten. [2]

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Während die Abstimmung läuft, zeigen wir nur die Anteile, und zwar ab 50 Stimmen; vorher wäre ein Zwischenstand Zufall. Die Zahl der Stimmen geben wir am Ende der Abstimmung bekannt.

Wer es darauf anlegt, kann die Sperre umgehen, etwa mit einem zweiten Gerät. Ganz ausschließen lässt sich Manipulation bei offenen Online-Abstimmungen nicht.

BELEGE


Quellen

  1. [1] Europäische Union, 07.06.2016

    Vertrag über die Europäische Union, konsolidierte Fassung, Art. 49

    Amtliche Quelle

  2. [2] Stiftung Wissenschaft und Politik, 27.03.2026

    Barbara Lippert, Nicolai von Ondarza, Frauke M. Seebass: EU-Erweiterung: Sonderfall Ukraine – Regelfall Westbalkan (SWP-Aktuell 16/2026)

    Institut oder Körperschaft

  3. [3] Auswärtiges Amt, 14.08.2025

    Grundsätze der Erweiterungspolitik

    Amtliche Quelle

  4. [4] Europäisches Parlament, 22.10.2025

    Entschließung zu den institutionellen Folgen der EU-Beitrittsverhandlungen, P10_TA(2025)0247, Erwägung A und Ziffer 3

    Amtliche Quelle

  5. [5] Europäische Kommission, 12.10.2026

    Enlargement: EU and Montenegro close accession negotiations in the areas of economic and monetary policy, statistics, and social policy and employment

    Amtliche Quelle

  6. [6] Europäische Kommission, 30.06.2026

    Commission presents financial package for Montenegro's EU accession

    Amtliche Quelle

  7. [7] Europäische Kommission, 13.10.2026

    Enlargement: Albania and EU provisionally close negotiations on enterprise and industrial policy

    Amtliche Quelle

  8. [8] Europäische Kommission, 04.11.2025

    2025 Communication on EU enlargement policy, COM(2025) 690

    Amtliche Quelle

  9. [9] Europäische Kommission, 14.07.2026

    Enlargement: EU opens accession negotiations with Ukraine on external relations policies

    Amtliche Quelle

  10. [10] Europäische Kommission, 14.07.2026

    Enlargement: EU and Moldova start negotiations on external relations policies

    Amtliche Quelle

  11. [11] Kyiv Post, 12.10.2026

    All 27 EU States Back Opening 2 New Accession Clusters for Ukraine After Kyiv Meets Hungary’s Demand

    Medienbericht

  12. [12] Europäische Kommission, 06.10.2026

    Mitteilung „Preparing for a wider Union“, COM(2026) 705

    Amtliche Quelle

  13. [13] Auswärtiges Amt, 19.09.2023

    Bericht der deutsch-französischen Arbeitsgruppe zu institutionellen Reformen der EU: Sailing on High Seas. Reforming and Enlarging the EU for the 21st Century, S. 4 bis 7 und 12

    Institut oder Körperschaft

  14. [14] Institut der deutschen Wirtschaft (iwd), 10.01.2024

    Ukraine: Folgen eines möglichen EU-Beitritts

    Institut oder Körperschaft

  15. [15] CDU, CSU und SPD, 05.05.2025

    Verantwortung für Deutschland: Koalitionsvertrag für die 21. Legislaturperiode (Z. 4405 ff. und 4455 ff.)

    Institut oder Körperschaft

  16. [16] Stiftung Wissenschaft und Politik, 04.06.2026

    Marina Vulović, Valeska Esch: Deutscher Vorschlag zur EU-Erweiterung: Fortschritt oder Symbolpolitik?

    Institut oder Körperschaft

  17. [17] Bündnis 90/Die Grünen, 2025

    Zusammen wachsen. Regierungsprogramm 2025, S. 143 f.

    Institut oder Körperschaft

  18. [18] Die Linke, 2025

    Alle wollen regieren. Wir wollen verändern. Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025, S. 24

    Institut oder Körperschaft

  19. [19] Deutscher Bundestag, 22.09.2026

    Antrag der Fraktion der AfD „Keine EU-Mitgliedschaft und keine militärischen Beistandsgarantien für die Ukraine“, Drucksache 21/8124

    Amtliche Quelle

  20. [20] Werchowna Rada der Ukraine, Ausschuss für die Integration der Ukraine in die EU, 10.12.2025

    Ivanna Klympush-Tsintsadze: Internal EU reforms and reforms in candidate countries must take place simultaneously

    Amtliche Quelle