ABSTIMMUNGDEUTSCHLAND ENTSCHEIDETFRAGE 73
Soll der Staat den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs stärker finanzieren, auch wenn dafür höhere öffentliche Ausgaben notwendig sind?
Bund, Länder und Kommunen gaben 2024 nach Berechnung des Verbands der Verkehrsunternehmen rund 26 Milliarden Euro für Busse und Bahnen aus. Allein um das heutige Angebot an Nahverkehrszügen bis 2031 zu halten, fehlen nach Angaben der Länder 14 Milliarden Euro. Der Bund sagte im Februar 2026 wegen seiner Haushaltslage keine Erhöhung zu.
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Teil der Reihe DEUTSCHLAND ENTSCHEIDET: Thema 15: Infrastruktur und Mobilität · Ergebnisse ansehen
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Die Fakten
Für Busse und Bahnen im Nahverkehr sind Länder und Kommunen zuständig. Sie planen das Angebot, organisieren und bezahlen es. [1] Das Regionalisierungsgesetz nennt eine ausreichende Versorgung mit Nahverkehr eine Aufgabe der Daseinsvorsorge, also der staatlichen Grundversorgung. [2] Nach dem Grundgesetz steht den Ländern dafür ein Betrag aus den Steuereinnahmen des Bundes zu. [3] 2025 betrugen diese Regionalisierungsmittel 11,56 Milliarden Euro. [1] Bis 2031 steigen sie jährlich um 3 Prozent. [2] Nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz gibt der Bund den Ländern Geld für den Bau von Schienenwegen, Bahnhöfen und Ladestationen. 2025 waren es 2 Milliarden Euro, ab 2026 steigt der Betrag jährlich um 1,8 Prozent. Den laufenden Betrieb fördert das Gesetz nicht. [1][4]
Für das Deutschlandticket zahlt der Bund den Ländern von 2023 bis 2030 jährlich 1,5 Milliarden Euro, die Länder geben mindestens ebenso viel. [2] Der Preis stieg 2026 von 58 auf 63 Euro im Monat. [5] Ab dem 01.01.2027 kostet das Ticket 66,80 Euro. Diesen Preis bestimmt erstmals ein Index aus Personal-, Energie- und allgemeinen Kosten. [6] Laut Koalitionsvertrag soll der Anteil, den die Fahrgäste selbst bezahlen, ab 2029 schrittweise und sozialverträglich steigen. [7] Rund 14,5 Millionen Menschen nutzen das Ticket. Gutachter im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums schätzen, dass es jährlich rund 2,5 Millionen Tonnen CO2 einspart. Das sind etwa 3 Prozent der Emissionen des privaten Autoverkehrs. [8]
2025 zählte das Statistische Bundesamt im Nahverkehr rund 11,3 Milliarden Fahrgäste, so viele wie im Vorjahr. Wer mehrmals fährt, wird mehrmals gezählt. [9] Im ersten Halbjahr 2026 waren es 5,7 Milliarden, 2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. [10] 2025 wohnten rund 93 Prozent der Bevölkerung im Umkreis von 600 Metern um eine Haltestelle oder 1.200 Metern um einen Bahnhof mit mindestens 20 Abfahrten an einem Werktag. Das entspricht tagsüber etwa einer Fahrt je Stunde und Richtung. In den ländlichen, dünner besiedelten Regionen von Bayern, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind die Werte deutlich niedriger. In diesen Ländern liegt der Anteil insgesamt unter 90 Prozent. Bundesweite Mindeststandards für das Angebot gibt es bisher nicht. [11]
Nach Berechnung des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen gaben Bund, Länder und Kommunen 2024 rund 26 Milliarden Euro für den Nahverkehr aus. Die Fahrgelder decken etwa ein Drittel der Kosten. Um das heutige Angebot zu sichern und zu modernisieren, steigt der jährliche Bedarf nach dem Gutachten bis 2040 auf 49 Milliarden Euro. Für einen Ausbau mit mehr Linien, dichteren Takten in Ballungsräumen und Angeboten in allen Regionen wären es 2040 rund 80 Milliarden Euro. [12] Die Verkehrsminister der Länder stellten im März 2026 fest: Die Kosten je Zugkilometer im Schienennahverkehr sind von 2019 bis 2025 um durchschnittlich 5,7 Prozent im Jahr gestiegen. Die Regionalisierungsmittel stiegen jährlich um 1,8 Prozent, seit 2023 um 3 Prozent. [2][13] Nach einer Erhebung der Länder fehlen von 2026 bis 2031 14 Milliarden Euro, allein um das heutige Angebot an Nahverkehrszügen zu halten. Nicht ausgegebene Mittel aus den Vorjahren sind dabei eingerechnet. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 19.03.2026 zu den Gebühren für die Schienenwege ist nicht berücksichtigt. [13]
CDU/CSU und SPD wollen die Finanzierung des Nahverkehrs auf eine neue gesetzliche Grundlage stellen und mit den Ländern einen Modernisierungspakt starten. Sie wollen das heutige Angebot sichern, steigende Kosten auffangen und Spielräume für neue Verkehre schaffen. Die Mittel nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz sollen schrittweise deutlich steigen. [7] Im August 2026 forderte der Deutsche Städtetag den neuen Bundesverkehrsminister auf, den Modernisierungspakt zu starten. Der Verband rechnet für 2026 und 2027 bundesweit mit über 10 Prozent weniger Angebot in Bussen und Bahnen. [15]
Was dafür spricht
- Die Verkehrsministerkonferenz der Länder verlangt eine sofortige und ausreichende Erhöhung der Regionalisierungsmittel. In ihrem Beschluss heißt es: „Wenn die Regionalisierungsmittel nicht erhöht werden, müssten Züge in erheblichem Umfang abbestellt werden.“ [13]
- Der Deutsche Städtetag verlangt höhere Mittel nach dem Regionalisierungsgesetz und dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz. Sein Hauptgeschäftsführer Christian Schuchardt sagte im August 2026: „Die Städte wollen in moderne Busse und Bahnen, verlässliche Takte und gute Anbindungen investieren.“ [15]
- Die Grünen beantragten im Bundestag, den Ausbau des Nahverkehrs besonders in ländlichen Räumen voranzubringen und das Geld dafür bereitzustellen. Ihre Begründung: „Nur das Zusammenspiel aus günstigen Preisen und einem guten Angebot macht den Umstieg vom Auto auf den Bus oder Zug attraktiv.“ Der Bundestag lehnte den Antrag ab. [16][5]
Was dagegen spricht
- Das Bundesverkehrsministerium verwies im Februar 2026 darauf, dass die Regionalisierungsmittel von 2023 bis 2031 zusammen bereits rund 110 Milliarden Euro betragen. Aus seiner Sicht sollen auch die Länder ihre jährlichen Beiträge steigern. Es schrieb: „Angesichts der angespannten Haushaltssituation des Bundes können derzeit keine Zusagen zur Erhöhung der Mittel für den ÖPNV gemacht werden.“ [14]
- Der AfD-Abgeordnete Wolfgang Wiehle verlangte im November 2025 für das Deutschlandticket „einen ehrlichen Preis, der seinem Wert entspricht“, mit Vergünstigungen für Menschen mit wenig Geld. Seine Begründung: „Die, die gar keinen Bahnanschluss haben, müssen mit ihren Steuern nicht mehr die Billigtickets für andere bezahlen.“ [17]
- Der Bundesrechnungshof schrieb im Februar 2022: „Die Erfahrungen zeigen, dass bloße Aufstockungen der Bundesmittel nicht geeignet sind, die Ziele des Bundes für den ÖPNV wirtschaftlich und zeitgerecht umzusetzen.“ Er empfahl, die Finanzierung durch den Bund zu bereinigen, etwa mit einem einheitlichen Gesetz für den Nahverkehr, und Bundesgeld erst bei Bedarf zu zahlen. [18]
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BELEGE
Quellen
[1] Bundesministerium für Verkehr, 04.08.2025
ÖPNV – Öffentlicher PersonennahverkehrAmtliche Quelle
[2] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Regionalisierungsgesetz (RegG), § 1, § 5 und § 9Amtliche Quelle
[3] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Artikel 106a GrundgesetzAmtliche Quelle
[4] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG), § 2 und § 10Amtliche Quelle
[5] Deutscher Bundestag, 07.11.2025
Bundestag regelt Finanzierung des Deutschlandtickets bis 2030Amtliche Quelle
[6] Verkehrsministerkonferenz (Vorsitz Bayern), 30.09.2026
Preisanpassung bei Deutschlandticket: Index regelt neuen Deutschlandticket-Preis, ab 2027 66,80 Euro (Pressemitteilung Nr. 115/2026)Amtliche Quelle
[7] CDU, CSU und SPD, 05.05.2025
Verantwortung für Deutschland: Koalitionsvertrag für die 21. Legislaturperiode (Z. 875 bis 886)Institut oder Körperschaft
[8] Bundesministerium für Verkehr, 14.04.2026
Deutschlandticket wirkt – mehr Potenzial vorhanden (Pressemitteilung 027/2026)Amtliche Quelle
[9] Statistisches Bundesamt, 08.04.2026
Linienverkehr mit Bussen und Bahnen im Jahr 2025: Fahrgastzahlen nahezu unverändert (Pressemitteilung Nr. 120)Amtliche Quelle
[10] Statistisches Bundesamt, 21.09.2026
Personenverkehr im 1. Halbjahr 2026: 2 % mehr Fahrgäste in Bussen und Bahnen (Pressemitteilung Nr. 333)Amtliche Quelle
[11] Deutschlandatlas (Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen), 2025
Erreichbarkeit des Öffentlichen Verkehrs (Haltestellen)Datenportal
[12] Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, Juni 2025
Das Deutschlandangebot: Kurzfassung des Gutachtens über die Finanzierung der Leistungskosten im deutschen ÖPNV 2024–2040, S. 4 f.Verband
[13] Verkehrsministerkonferenz, 26.03.2026
Beschluss der Verkehrsministerkonferenz am 25./26. März 2026 in Lindau, TOP 5.1 Aufstockung der RegionalisierungsmittelAmtliche Quelle
[14] Bundesministerium für Verkehr, 04.02.2026
Bericht zur Verkehrsministerkonferenz am 25./26. März 2026, TOP 5.1 Aufstockung RegionalisierungsmittelAmtliche Quelle
[15] Deutscher Städtetag, 05.08.2026
Modernisierungspakt für den ÖPNV jetzt startenVerband
[16] Deutscher Bundestag, 09.09.2025
Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen „Deutschlandticket weiterentwickeln und langfristig sichern“, Drucksache 21/1543Amtliche Quelle
[17] Deutscher Bundestag, 07.11.2025
Plenarprotokoll 21/38, S. 4317 f.Amtliche Quelle
[18] Bundesrechnungshof, 08.02.2022
Bericht nach § 99 BHO über den Einsatz von Bundesmitteln für den öffentlichen Personennahverkehr, Bundestagsdrucksache 20/599Amtliche Quelle