ABSTIMMUNGDEUTSCHLAND ENTSCHEIDETFRAGE 72
Soll die Finanzierung der Straßeninfrastruktur stärker durch nutzungsabhängige Gebühren erfolgen?
Lkw über 3,5 Tonnen zahlen auf Autobahnen und Bundesstraßen Maut je Kilometer, 2025 waren es zusammen 13,4 Milliarden Euro. Eine allgemeine Maut für Pkw gibt es nicht, Autofahrer zahlen Kfz-Steuer und an der Zapfsäule Energiesteuer. Eine Pkw-Maut scheiterte 2019 vor dem Europäischen Gerichtshof.
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Teil der Reihe DEUTSCHLAND ENTSCHEIDET: Thema 15: Infrastruktur und Mobilität · Ergebnisse ansehen
VOR DER STIMME
Die Fakten
Autobahnen und Bundesstraßen heißen zusammen Bundesfernstraßen. Der Bund finanziert sie aus der Lkw-Maut und aus weiteren Mitteln des Bundeshaushalts. Das Netz umfasst rund 13.000 Kilometer Autobahnen und rund 38.000 Kilometer Bundesstraßen. [1] Maut je gefahrenem Kilometer zahlen dort Lkw im Güterverkehr mit mehr als 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht. Der Satz je Kilometer hat vier Teile: Kosten der Straße, der Luftverschmutzung, des Lärms und des CO₂-Ausstoßes. Busse sind befreit. Befreit sind auch Fahrzeuge unter 7,5 Tonnen, mit denen Handwerker Material, Ausrüstung oder Maschinen für die eigene Arbeit befördern, sofern das nicht gewerblich geschieht. Emissionsfreie schwere Lkw zahlen bis zum 30.06.2031 keine Maut. [2] Den CO₂-Teil gibt es seit dem 01.12.2023, eingeführt wurde er mit 200 Euro je Tonne CO₂. Seit dem 01.07.2024 gilt die Maut schon für Lkw über 3,5 Tonnen. [3]
2025 nahm der Bund 13,4 Milliarden Euro Lkw-Maut ein, 2023 waren es 7,4 Milliarden Euro. [1][4] Für 2027 plant die Bundesregierung 13,2 Milliarden Euro, davon 5,9 Milliarden Euro aus dem CO₂-Teil. [1] Die Einnahmen aus den übrigen drei Teilen erhält, wer die jeweilige Straße baut und unterhält. Vom CO₂-Teil ist die Hälfte für die Bundesfernstraßen bestimmt, der Rest vor allem für die Schienenwege des Bundes. [2] Im Bundeshaushalt 2026 sind für die Bundesfernstraßen 10,8 Milliarden Euro eingeplant, einschließlich der Kosten der Mauterhebung. [1] Aus dem Sondervermögen für Infrastruktur, das vollständig mit Krediten finanziert wird, sind 2026 weitere 3,25 Milliarden Euro für die Erhaltung von Brücken und Tunneln vorgesehen. [5] Eine allgemeine Maut für Pkw gibt es nicht. Fahrzeughalter zahlen Kfz-Steuer, 2025 brachte sie dem Bund 9,6 Milliarden Euro. [6] Beim Tanken fällt Energiesteuer an: 2025 auf Benzin 15,5 Milliarden Euro und auf Diesel, den auch Lkw tanken, 17,8 Milliarden Euro. [7] Reine Elektroautos, die bis Ende 2030 erstmals zugelassen werden, sind zehn Jahre von der Kfz-Steuer befreit, längstens bis Ende 2035. [8]
Für eine Pkw-Maut schuf Deutschland 2015 die rechtliche Grundlage, die sogenannte Infrastrukturabgabe. Inländische Halter sollten über eine niedrigere Kfz-Steuer mindestens in Höhe der Abgabe entlastet werden. Der Europäische Gerichtshof entschied am 18.06.2019, dass das gegen EU-Recht verstößt: Die Last hätten praktisch nur Halter und Fahrer von Fahrzeugen getragen, die in anderen EU-Staaten zugelassen sind. Ein Staat dürfe aber von Steuern auf Gebühren aller Nutzer umstellen. Dabei müsse er das EU-Recht beachten, vor allem das Verbot der Benachteiligung wegen der Staatsangehörigkeit. [9] Der Bund kündigte danach die Verträge mit den vorgesehenen Betreibern. Für den Vertrag über die Erhebung der Maut zahlte er nach einem Schiedsspruch vom 06.07.2023 243 Millionen Euro Entschädigung. [10] In der Wegekostenrichtlinie von 2022 halten Europäisches Parlament und Rat fest: Beim Ziel der EU-Kommission von 2011, das Nutzer- und das Verursacherprinzip voll anzuwenden, seien nur schleppend Fortschritte gemacht worden. Nach dieser Richtlinie entscheidet jeder Staat selbst, ob er für Pkw Gebühren erhebt. Tut er es, muss er auch leichte Lieferwagen einbeziehen. Gebühren dürfen niemanden wegen seiner Staatsangehörigkeit oder des Zulassungsstaats seines Fahrzeugs benachteiligen. [11] Österreich verlangt auf Autobahnen und Schnellstraßen eine Vignette. Das ist eine Gebühr für einen Zeitraum, unabhängig von der gefahrenen Strecke. Die Jahresvignette für Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen kostet 2026 106,80 Euro. [12]
CDU, CSU und SPD wollen laut Koalitionsvertrag für jeden Verkehrsträger einen eigenen Finanzierungskreislauf: „Einnahmen kommen dem jeweiligen Verkehrsträger zugute.“ Bezahlt werden soll aus Haushaltsmitteln, Gebühren der Nutzer und privatem Kapital. Eine Pkw-Maut sieht der Vertrag nicht vor. Die Koalition will prüfen, wie sich Mehrfachbelastungen des Güterverkehrs auf der Straße durch die CO₂-Bepreisung verringern lassen. [13] Seit 2021 betreibt die Autobahn GmbH des Bundes die Autobahnen. [1] Am 07.10.2026 beschloss das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf: Die Gesellschaft soll ab 2027 in Grenzen Kredite aufnehmen dürfen. Ab 2028 soll sie über die Einnahmen aus dem Infrastrukturanteil der Lkw-Maut selbst verfügen. Diese betragen laut Ministerium derzeit rund 4,5 Milliarden Euro im Jahr. Erhoben und festgesetzt wird die Lkw-Maut weiter vom Bund. [14] Beschließen muss das Gesetz der Bundestag.
Was dafür spricht
- Eine Studie der Denkfabriken Agora Verkehrswende und Dezernat Zukunft schätzt den öffentlichen Finanzbedarf für Schiene, Fernstraßen, Nahverkehr und den Umbau der Autoindustrie bis 2030 auf mindestens 390 Milliarden Euro. Vera Huwe vom Dezernat Zukunft hält zusätzliche Kredite und Gebühren für zentral: „Eine verursachergerechte Pkw-Maut sichert die Infrastrukturfinanzierung unabhängig von der öffentlichen Haushaltslage und ermöglicht eine fairere Verteilung der Kosten.“ [15]
- Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie fordert für die Straße die „konsequente Weiterentwicklung von Haushalts- zu Nutzerfinanzierung“. Auch die Diskussion über eine Pkw-Maut dürfe künftig kein Tabu mehr sein, wenn Autofahrer zugleich entlastet werden. Würden Straßen und Rastplätze dank einer Maut sichtbar besser, könne das die Akzeptanz erhöhen. [16]
- Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesverkehrsminister erwartet, dass mit dem Wechsel zu Elektroautos die Einnahmen aus der Energiesteuer auf Kraftstoffe auf längere Sicht wegbrechen. Das könne den Erhalt der Straßen gefährden. Für Pkw empfahl er 2022: „Nutzungsabhängige Abgaben sind gegenüber fixen Abgaben zu präferieren“. Trotz anfangs höherer Kosten der Erhebung favorisiert er ein digitales Mautsystem, dessen Tarif sich nach Zeit und Ort unterscheiden kann. Voraussetzung sei, dass es die Bewegungen von Personen nicht überwacht. [17]
Was dagegen spricht
- Der ADAC lehnt eine nationale Pkw-Maut ab. Ab 2028 kämen mit dem europäischen CO₂-Preis zusätzliche Belastungen auf die Verbraucher zu, für die noch keine Entlastung geregelt sei. Mögliche Mehrbelastungen durch eine Maut sollten immer im Zusammenhang mit der Gesamtbelastung der Verkehrsteilnehmer geprüft werden. [18]
- Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung sieht den Lkw schon heute doppelt belastet: durch den nationalen CO₂-Preis auf Diesel und durch den CO₂-Teil der Maut. „Diese CO₂-Doppelbelastung ist im europäischen Vergleich einzigartig.“ Ausländische Wettbewerber tankten oft im Ausland, nutzten aber die deutschen Straßen. Der Verband fordert, die doppelte Belastung aufzuheben. [19]
- Die AfD-Fraktion beantragte 2023, auf den CO₂-Teil der Lkw-Maut zu verzichten. In ihrem Antrag heißt es: „Der Gesetzentwurf der Bundesregierung wird die Inflation in Deutschland weiter befeuern.“ Die Einnahmen aus der Lkw-Maut sollten vollständig in die Bundesfernstraßen fließen. [20]
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Wer es darauf anlegt, kann die Sperre umgehen, etwa mit einem zweiten Gerät. Ganz ausschließen lässt sich Manipulation bei offenen Online-Abstimmungen nicht.
BELEGE
Quellen
[1] Bundesministerium der Finanzen, 2026
Entwurf zum Bundeshaushaltsplan 2027, Einzelplan 12 (Bundesministerium für Verkehr), Kapitel 1201 Bundesfernstraßen, Vorbemerkung, Überblick und Titel 111 22Amtliche Quelle
[2] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Bundesfernstraßenmautgesetz (BFStrMG), §§ 1, 3 und 11Amtliche Quelle
[3] Bundesregierung
Für mehr Klimaschutz im Güterverkehr (Reform der Lkw-Maut)Amtliche Quelle
[4] Bundesministerium der Finanzen, 2025
Bundeshaushaltsplan 2025, Einzelplan 12, Kapitel 1201, Titel 111 22 Einnahmen aus der streckenbezogenen MautAmtliche Quelle
[5] Deutscher Bundestag (hib), 17.08.2026
Etat 2027: 54,9 Milliarden aus Infrastruktur-Sondervermögen (hib 646/2026)Amtliche Quelle
[6] Bundesministerium der Finanzen, 29.01.2026
Steuereinnahmen im Dezember 2025 (BMF-Monatsbericht Januar 2026), Tabelle Entwicklung der Steuereinnahmen (ohne reine Gemeindesteuern) im laufenden JahrAmtliche Quelle
[7] Statistisches Bundesamt, 17.07.2026
Benzin im Jahr 2025 in Höhe von 15,5 Milliarden Euro versteuertDatenportal
[8] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
§ 3d Kraftfahrzeugsteuergesetz: Steuerbefreiung für ElektrofahrzeugeAmtliche Quelle
[9] Gerichtshof der Europäischen Union, 18.06.2019
Die deutsche Vignette für die Benutzung von Bundesfernstraßen durch Personenkraftwagen verstößt gegen das Unionsrecht (Pressemitteilung 75/19, Rechtssache C-591/17)Amtliche Quelle
[10] Bundesministerium für Digitales und Verkehr (Gutachten von Müller-Wrede Rechtsanwälte), 15.12.2023
Gutachten zu Haftungsansprüchen gegenüber Bundesminister a. D. Andreas Scheuer wegen der von der Bundesrepublik Deutschland zu tragenden Entschädigungszahlungen aus dem Betreibervertrag zur Erhebung der Infrastrukturabgabe („Pkw-Maut“), S. 21 Rn. 66Amtliche Quelle
[11] Europäische Union, 24.02.2022
Richtlinie (EU) 2022/362 zur Änderung der Richtlinien 1999/62/EG, 1999/37/EG und (EU) 2019/520 hinsichtlich der Erhebung von Gebühren für die Benutzung bestimmter Verkehrswege durch Fahrzeuge, Erwägungsgrund 1 und Artikel 1 (Artikel 7 Absatz 3 und 5 der Richtlinie 1999/62/EG)Amtliche Quelle
[12] ASFINAG (Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-AG, Österreich), gültig ab 01.12.2025
Vignette: Preise 2026Institut oder Körperschaft
[13] CDU, CSU und SPD, 2025
Verantwortung für Deutschland: Koalitionsvertrag für die 21. Legislaturperiode (Z. 809 bis 818 und 842 f.)Institut oder Körperschaft
[14] Bundesministerium für Verkehr, 07.10.2026
Bilger: Neue Finanzierungsstruktur für die Autobahn – mehr Spielraum für Investitionen (Pressemitteilung 093/2026)Amtliche Quelle
[15] Agora Verkehrswende und Dezernat Zukunft, 24.11.2025
Zukunftsfähiges Verkehrssystem braucht zusätzliche Finanzierungsquellen (gemeinsame Pressemitteilung)Institut oder Körperschaft
[16] Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, 12.06.2026
Verkehrsinfrastruktur des Bundes dauerhaft sichern (Pressemitteilung 25/26)Verband
[17] Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesminister für Digitales und Verkehr, 20.07.2022
Kompensation zukünftiger Einnahmeausfälle des Staates aufgrund der Antriebswende im Straßenverkehr (Gutachten 01/2022), Abschnitt 6 EmpfehlungenAmtliche Quelle
[18] ADAC (Eintrag im Lobbyregister des Bundestages), Stand 14.10.2026
Regelungsvorhaben „Keine Einführung einer nationalen Pkw-Maut und Beibehaltung der Entscheidungskompetenz bei Mauteinführung auf nationaler Ebene“ (RV0008718)Verband
[19] Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), 17.04.2026
Stellungnahme zum Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Energiesteuergesetzes (2. Energiesteuersenkungsgesetz), Drucksache 21/5321Verband
[20] Deutscher Bundestag, 18.10.2023
Entschließungsantrag der Fraktion der AfD zum Entwurf eines Dritten Gesetzes zur Änderung mautrechtlicher Vorschriften, Drucksache 20/8898Amtliche Quelle