ABSTIMMUNGDEUTSCHLAND ENTSCHEIDETFRAGE 43
Sollen weitere Berufsgruppen schrittweise in ein gemeinsames gesetzliches Rentensystem einbezogen werden?
Beamte, Abgeordnete und viele Selbstständige zahlen heute nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein. 2024 gehörten rund 2,6 Millionen hauptberuflich Selbstständige keinem Pflichtsystem für das Alter an. Eine Kommission der Bundesregierung empfiehlt, Selbstständige und Abgeordnete einzubeziehen, Beamte vorerst nicht.
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Teil der Reihe DEUTSCHLAND ENTSCHEIDET: Thema 9: Rente und Altersvorsorge · Ergebnisse ansehen
VOR DER STIMME
Die Fakten
In der gesetzlichen Rentenversicherung sind vor allem Arbeitnehmer pflichtversichert. Von den Selbstständigen sind nur einzelne Gruppen pflichtversichert, etwa Handwerker, Hebammen, selbstständige Lehrer sowie Künstler und Publizisten. Beamte, Richter und Soldaten sind versicherungsfrei. Wer wegen seines Berufs Pflichtmitglied einer Kammer und ihres Versorgungswerks ist, kann sich befreien lassen. [1] Die Pensionen zahlen die Dienstherren aus ihren Haushalten, vor allem Bund, Länder und Gemeinden. Eine Pension richtet sich nach den Bezügen aus dem letzten Amt. Der Höchstsatz von 71,75 Prozent dieser Bezüge wird nach 40 Dienstjahren erreicht. [8] Bundestagsabgeordnete erhalten ab 67 eine Altersentschädigung, wenn sie dem Parlament mindestens ein Jahr angehört haben. Sie beträgt je Jahr 2,5 Prozent der Abgeordnetenentschädigung, höchstens 65 Prozent. [3]
Die Rentenversicherung regelt der Bund. Die Versorgung der Beamten regelt er nur für seine eigenen Beamten. Für Besoldung und Versorgung der Beamten in Ländern und Gemeinden sind die Länder zuständig. [2] Das Grundgesetz verlangt, das Recht des öffentlichen Dienstes unter Berücksichtigung der hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums zu regeln und fortzuentwickeln. [2] Dazu zählen nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts die Versorgung aus dem letzten Amt und die Beitragsfreiheit. [8]
Am 30.06.2025 gab es nach vorläufigen Zahlen rund 1,81 Millionen Beamte und Richter sowie 168.100 Berufs- und Zeitsoldaten. [5] Am 01.01.2025 bezogen 1.418.800 Menschen eine Pension nach dem Beamten- und Soldatenrecht, dazu kamen 382.100 Hinterbliebene. 2024 kosteten die Pensionen 56,9 Milliarden Euro und die Versorgung der Hinterbliebenen 9,0 Milliarden Euro. Das waren zusammen rund 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. [4] 2024 waren rund 3,6 Millionen Menschen hauptberuflich selbstständig. Rund 2,6 Millionen von ihnen, 72 Prozent, gehörten keinem Pflichtsystem für das Alter an. 13 Prozent waren über Versorgungswerke abgesichert, 10 Prozent in der gesetzlichen Rentenversicherung und 4 Prozent in der Alterssicherung der Landwirte. 2023 bezogen 4,4 Prozent der früheren Selbstständigen über 65 Jahre Grundsicherung im Alter, bei früheren Arbeitnehmern waren es 2,1 Prozent. [6]
Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD von 2025 sieht vor, alle neuen Selbstständigen ohne Pflichtabsicherung „gründerfreundlich“ in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. Andere verlässliche Formen der Altersvorsorge sollen möglich bleiben. Die Versorgungswerke will die Koalition stärken. [7] Die von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission nannte im Juni 2026 eine gemeinsame Versicherung aller Erwerbstätigen, Erwerbstätigenversicherung genannt, das „Idealbild der Alterssicherung“. Weil das bestehende System stark von seiner bisherigen Entwicklung geprägt ist, sei dieses Ziel in absehbarer Zeit womöglich schwer zu erreichen. Konkret empfahl die Kommission, neue Selbstständige ohne Pflichtabsicherung ab einem Stichtag ohne Wahlrecht einzubeziehen. Auch wer schon selbstständig ist, soll pflichtversichert werden, aber ohne Voraussetzungen austreten können. Pflichtversichert werden sollen zudem Abgeordnete von Bundestag und Landtagen sowie Vorstände von Aktiengesellschaften. Durch die Selbstständigen könnte der Beitragssatz mittelfristig um 0,5 Prozentpunkte sinken. Langfristig relativiere sich dieser Gewinn, weil sie selbst Ansprüche aufbauen. [8]
Eine Einbeziehung der Beamten empfahl die Kommission vorerst nicht. Sie verweist auf hohe Hürden im Grundgesetz, die Zuständigkeit der Länder und die Kosten: Bund und Länder müssten über Jahrzehnte die laufenden Pensionen und zugleich Rentenbeiträge für neue Beamte zahlen. Auf Dauer würde die Rentenversicherung dadurch nicht entlastet. Denkbar sei ein Modell aus gesetzlicher Rente und einer Zusatzversorgung durch den Dienstherrn. Es umzusetzen wäre ein langfristiger Prozess. Empfohlen hat die Kommission, Rentenreformen in gleichem Maß auf die Pensionen zu übertragen. Bund und Länder sollen deutlich weniger verbeamten. Nur Aufgaben, bei denen der Staat Befehl und Zwang ausübt, sollen Beamten vorbehalten bleiben. [8] Der Koalitionsausschuss beschloss Anfang Juli 2026, die Empfehlungen umfassend und zügig umzusetzen. [9] Am 14.09.2026 teilte die Bundesregierung mit, die gesetzliche Umsetzung werde noch erarbeitet. [10] In Österreich regelt seit dem 01.01.2005 ein gemeinsames Gesetz die Pensionen von Arbeitnehmern, Gewerbetreibenden, Bauern und versicherten Freiberuflern, die ab 1955 geboren sind. [11]
Was dafür spricht
- Eine vom Deutschen Gewerkschaftsbund einberufene Kommission empfahl im Juni 2026: „Die gesetzliche Rentenversicherung soll schrittweise zu einer Erwerbstätigenversicherung weiterentwickelt werden.“ Den Anfang sollen Selbstständige und Abgeordnete machen. [12] Der Sozialverband VdK fordert, dass künftig alle einzahlen, auch Beamte, Selbstständige und Politiker. [13]
- Die Deutsche Rentenversicherung hält eine Pflichtabsicherung der bisher nicht abgesicherten Selbstständigen für dringend erforderlich. Eine Wahl zwischen gesetzlicher Rente und privaten Produkten sieht sie kritisch, weil sich vor allem Menschen mit hohem Absicherungsbedarf für die gesetzliche Rente entscheiden würden. Eine Pflichtversicherung würde nach ihrer Einschätzung „Lücken schließen, grundlegende Risiken abdecken und einen verlässlichen Schutz im Alter gewährleisten“. [6]
- Die Linke beantragte im November 2025, ab der nächsten Wahlperiode zuerst die Bundestagsabgeordneten in die gesetzliche Rentenversicherung aufzunehmen. Später sollen unter anderem Bundesminister, Landtagsabgeordnete, Beamte, Richter, Landwirte sowie Selbstständige und Freiberufler ohne gesetzliche Rente folgen. Ihr Ziel ist eine Versicherung aller Erwerbstätigen. [14] Die AfD will laut Wahlprogramm 2025 „Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen“. Verbeamten will sie nur noch für Hoheitsaufgaben, damit die große Mehrheit der Staatsbediensteten einzahlt. [15]
Was dagegen spricht
- Der Vorsitzende des Beamtenbunds dbb, Volker Geyer, wies Ende September 2026 einen Vorstoß von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil zurück, Beamte einzubeziehen: „Beamtinnen und Beamte in die Rentenversicherung einzubeziehen löst deren Probleme nicht, schafft aber viele neue.“ Die Einbeziehung sei nicht zu finanzieren, rechtswidrig und demotivierend für den öffentlichen Dienst. [16]
- Die Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen hält dagegen: „Der positive Effekt der Eintrittsgewinne für eine Erwerbstätigenversicherung verpufft langfristig.“ Gemeint sind zusätzliche Beiträge, denen anfangs noch keine Renten gegenüberstehen. Freiberufler leben nach ihren Angaben im Schnitt etwa vier Jahre länger als der durchschnittliche Rentner. Sie würden die Rentenversicherung deshalb mittel- und langfristig mehr kosten, als sie anfangs einbringen. [17]
- Der Sachverständigenrat Wirtschaft kam 2023 zu dem Ergebnis, dass die Einbeziehung der Beamten die Finanzprobleme der Rentenversicherung nicht löst. Würden neue Beamte einbezogen, sänke der Beitragssatz zunächst. Ab Mitte der 2070er-Jahre kehre sich der Effekt um, weil Beamte länger leben und länger Rente beziehen. Die öffentlichen Haushalte würden kurz- bis mittelfristig zusätzlich belastet, weil sie zugleich Beiträge und laufende Pensionen zahlen müssten. Kostenneutral ließe sich die Einbeziehung nach seiner Rechnung mit einer getrennten Beitragskasse umsetzen. [18]
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Wer es darauf anlegt, kann die Sperre umgehen, etwa mit einem zweiten Gerät. Ganz ausschließen lässt sich Manipulation bei offenen Online-Abstimmungen nicht.
BELEGE
Quellen
[1] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Sechstes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VI), §§ 2, 5 und 6Amtliche Quelle
[2] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Grundgesetz, Art. 33 Abs. 5, Art. 73 Abs. 1 Nr. 8, Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 und 27Amtliche Quelle
[3] Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Abgeordnetengesetz (AbgG), §§ 19 und 20Amtliche Quelle
[4] Statistisches Bundesamt, 17.12.2025
Pressemitteilung Nr. 455: 0,9 % mehr Pensionärinnen und Pensionäre im öffentlichen Dienst im Jahr 2025Amtliche Quelle
[5] Statistisches Bundesamt, 22.06.2026
Beschäftigte des öffentlichen Dienstes nach Art des Dienst- oder Arbeitsverhältnisses, 30. Juni 2025Datenportal
[6] Deutsche Rentenversicherung Bund, Januar 2026
rentenupdate #12: Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehenAmtliche Quelle
[7] CDU, CSU und SPD, 2025
Verantwortung für Deutschland: Koalitionsvertrag für die 21. Legislaturperiode (S. 12 und 20, Z. 354 und 632 bis 635)Institut oder Körperschaft
[8] Alterssicherungskommission (Bundesministerium für Arbeit und Soziales), Juni 2026
Empfehlungen der Alterssicherungskommission, Empfehlungen 21 bis 25 (S. 51 bis 57)Amtliche Quelle
[9] Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 12.08.2026
So reformieren wir unsere SozialversicherungenAmtliche Quelle
[10] Bundesregierung, 14.09.2026
Antwort „Entwicklung des Rentenniveaus nach den Vorschlägen der Alterssicherungskommission“, Drucksache 21/8020Amtliche Quelle
[11] Republik Österreich, Rechtsinformationssystem des Bundes
Allgemeines Pensionsgesetz (APG), BGBl. I Nr. 142/2004, §§ 1 und 16Amtliche Quelle
[12] Deutscher Gewerkschaftsbund, 26.06.2026
Pressemitteilung 057: DGB-Rentenkommission legt Empfehlungen für gerechte Alterssicherung vorVerband
[13] Sozialverband VdK Deutschland
Wir kämpfen für gute Renten und gegen AltersarmutVerband
[14] Deutscher Bundestag, 11.11.2025
Antrag der Fraktion Die Linke „Bundestagsabgeordnete vollumfänglich in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen“, Drucksache 21/2708Amtliche Quelle
[15] AfD, 2025
Zeit für Deutschland: Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025, S. 18Institut oder Körperschaft
[16] dbb beamtenbund und tarifunion, 29.09.2026
Geyer: „Unsinn wird durch ständige Wiederholung nicht zu sinnvoller Politik“Verband
[17] Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen
Argumente gegen eine ErwerbstätigenversicherungVerband
[18] Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, 2023
Jahresgutachten 2023/24, Kapitel 5: Alterungsschub und Rentenreformen, Kurzfassung und Ziffern 395 bis 397Institut oder Körperschaft