ABSTIMMUNGDEUTSCHLAND ENTSCHEIDETFRAGE 100
Soll die deutsche Entwicklungszusammenarbeit stärker auf humanitäre Hilfe, Armutsbekämpfung, wirtschaftliche Partnerschaften oder die Verringerung von Fluchtursachen ausgerichtet werden?
Deutschland hat 2025 nach vorläufigen Zahlen rund 26 Milliarden Euro für öffentliche Entwicklungsleistungen ausgegeben, 0,56 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. International vereinbart sind 0,7 Prozent. Worauf soll die deutsche Entwicklungszusammenarbeit stärker ausgerichtet werden?
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Teil der Reihe DEUTSCHLAND ENTSCHEIDET: Thema 20: Außenpolitik, Verteidigung und internationale Verantwortung · Ergebnisse ansehen
VOR DER STIMME
Die Fakten
Humanitäre Hilfe in akuten Notlagen nach Krisen, Konflikten oder Naturkatastrophen ist im Bund Aufgabe des Auswärtigen Amts. Nach ihren Grundsätzen richtet sie sich allein nach dem Bedarf, unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Zielen. [1] Die Entwicklungszusammenarbeit verantwortet das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz BMZ. [2] Sein Haushalt umfasst 2026 rund 10,06 Milliarden Euro, 2025 waren es rund 10,31. [3] Der Regierungsentwurf 2027 sieht 9,47 Milliarden vor. [4] Im Haushalt des Auswärtigen Amts stehen für humanitäre Hilfe 2025, 2026 und im Entwurf 2027 je rund 1,05 Milliarden Euro, 2024 waren es 2,23 Milliarden. [3] Der Bundestag will den Haushalt 2027 am 27.11.2026 beschließen (Stand 14.10.2026). [5]
Nach vorläufigen Zahlen der OECD gab Deutschland 2025 rund 26 Milliarden Euro für öffentliche Entwicklungsleistungen aus. Das waren 0,56 Prozent der Wirtschaftsleistung, gemessen am Bruttonationaleinkommen. Dieser Anteil heißt ODA-Quote. Mitgezählt wurden rund 4,3 Milliarden Euro für Geflüchtete im ersten Jahr in Deutschland. Ohne sie läge die Quote bei 0,46 Prozent. [6] 2024 lag sie bei 0,68 Prozent. [7] Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD sieht eine „angemessene Absenkung der ODA-Quote“ vor. [8] Die Bundesregierung nennt 0,7 Prozent und 0,2 Prozent für die ärmsten Länder weiterhin „wichtige internationale Ziele“. [9]
Als strategische Schwerpunkte nennt der Koalitionsvertrag „wirtschaftliche Zusammenarbeit und Sicherung des Zugangs zu Rohstoffen, Fluchtursachenbekämpfung sowie die Zusammenarbeit im Energiesektor“. Die Koalition will sich weiter gegen Armut, Hunger und Ungleichheit engagieren und die humanitäre Hilfe stärken. [8] Nach dem Reformplan des BMZ vom Januar 2026 sollen Schwellenländer wie Indien Finanzhilfe künftig als rückzahlbare Kredite erhalten. Die Zusammenarbeit mit den ärmsten Ländern, 27 der 65 Partnerländer, soll bis Ende der Wahlperiode „substantiell“ gestärkt werden. Beim Thema Flucht stehen Geflüchtete, Binnenvertriebene und Aufnahmeländer im Fokus. Die Umsetzung soll bis Sommer 2027 abgeschlossen sein (Stand 14.10.2026). [2]
Humanitäre Hilfe: Laut einer Evaluierung für das Auswärtige Amt trägt Hilfe vor absehbaren Krisen wie Dürren in den untersuchten Ländern nachweislich dazu bei, Todesfälle zu vermeiden und Schäden zu mindern. [10] Armutsbekämpfung: Laut einer Auswertung von Wirkungsstudien des Deutschen Evaluierungsinstituts der Entwicklungszusammenarbeit, kurz DEval, verbessern landwirtschaftliche Beratung und Schulungen in Afrika südlich der Sahara den Zugang zu Nahrung. Verwundbare Gruppen erreicht die Entwicklungszusammenarbeit aber weiterhin schwer. [11] Wirtschaftliche Partnerschaften: Nach einer vom DEval vorgestellten Studie führte jeder Dollar deutscher Entwicklungsleistungen 2005 bis 2024 zu rund 2,5 Dollar zusätzlichen deutschen Exporten ins Partnerland. Beteiligungen des BMZ an Klimaschutz-Fonds brachten aber weniger privates Kapital als erwartet: 137 Millionen Euro bei 762 Millionen staatlichem Geld. [12] Verringerung von Fluchtursachen: Beschäftigungsprogramme für Flüchtlinge und bedürftige Einheimische in Jordanien und der Türkei brachten laut DEval vor allem kurzfristig mehr Einkommen und stärkten das Zusammenleben. Wirkungen auf eine spätere Beschäftigung waren kaum nachweisbar. [13] Im Entwurf 2027 steigen die Mittel für Geflüchtete und Aufnahmeländer von 420 auf 450 Millionen Euro. Für Ernährungssysteme gegen Hunger sinken sie von 259,4 auf 173,2 Millionen, für Partnerschaften mit der Wirtschaft von 162,3 auf 155 Millionen. [3]
Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) will die Entwicklungspolitik „fokussierter und partnerschaftlicher weiterentwickeln“. [6] Für die Unionsfraktion nannte Carl-Philipp Sassenrath „Entwicklungspolitik als aufgeklärtes Eigeninteresse“ als Prinzip. [14] Die AfD will das BMZ auflösen, seine Mittel um rund 80 Prozent kürzen und den Rest für Kooperationen zum Vorteil deutscher Unternehmen und für humanitäre Hilfe einsetzen. [15] Die Grünen fordern 3 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe 2026, unabhängig von politischen Interessen. [16] Die Linke will eine ODA-Quote von mindestens 0,7 Prozent völkerrechtlich verankern, davon mindestens 0,2 Prozent für die ärmsten Länder. [17] Die Deutsche Industrie- und Handelskammer verlangt, Entwicklungszusammenarbeit müsse „konsequent auf wirtschaftliche Kooperation setzen“. [18] Der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe, VENRO, hält 11,2 Milliarden Euro für das BMZ und mindestens 2,8 Milliarden für humanitäre Hilfe für nötig. [19] Anna-Katharina Hornidge, Direktorin des Forschungsinstituts IDOS, nennt die Kürzungen „mit Blick auf die wissenschaftliche Faktenlage stark zu kritisieren“. [20]
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BELEGE
Quellen
[1] Auswärtiges Amt, 26.09.2024
Grundlagen der humanitären Hilfe: Wie Deutschland hilftAmtliche Quelle
[2] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Januar 2026
Zukunft zusammen global gestalten. Reformplan des BMZ (S. 12, 18 f., 26)Amtliche Quelle
[3] Bundesministerium der Finanzen, abgerufen 14.10.2026
Bundeshaushalt digital: Einzelplan 23 sowie Titel 0501 687 32, 2302 687 01, 2310 896 31 und 2310 896 32, Soll 2024 bis 2026 und Regierungsentwurf 2027Datenportal
[4] Deutscher Bundestag, 09.09.2026
Entwicklungsetat soll 2027 auf 9,47 Milliarden Euro sinkenAmtliche Quelle
[5] Deutscher Bundestag, 20.08.2026
Der Weg zum Bundeshaushalt 2027 vom Entwurf zum BeschlussAmtliche Quelle
[6] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 09.04.2026
OECD-Bilanz: Deutschland verfehlt 2025 erneut UN-Finanzierungsziel für EntwicklungszusammenarbeitAmtliche Quelle
[7] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 09.06.2026
DAC-Geber im Vergleich nach ODA-Quote 2024 zu 2025 (Quelle OECD/DAC, vorläufige Werte)Amtliche Quelle
[8] CDU, CSU und SPD, 2025
Verantwortung für Deutschland: Koalitionsvertrag für die 21. Legislaturperiode (Z. 4095, S. 129; Z. 4234 bis 4237, S. 133; Z. 4273 f., S. 134)Institut oder Körperschaft
[9] Deutscher Bundestag, 24.04.2026
Antwort der Bundesregierung: Reform des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung „Zukunft zusammen global gestalten“, Drucksache 21/5641, Antwort zu Frage 10Amtliche Quelle
[10] Global Public Policy Institute im Auftrag des Auswärtigen Amts, 06.03.2026
Evaluierung des Programms „Vorausschauende humanitäre Hilfe“, Executive SummaryInstitut oder Körperschaft
[11] Deutsches Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit, 2026
Kapazitätsstärkung für gerechte und resiliente Ernährungssysteme, DEval Policy Brief 7/2026Institut oder Körperschaft
[12] Deutsches Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit, 2026
Entwicklungszusammenarbeit und die Privatwirtschaft. Effekte auf Exporte, Investitionen und Kapitalmobilisierung, DEval Policy Brief 9/2026Institut oder Körperschaft
[13] Deutsches Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit, 2021
Die Wirksamkeit deutscher Entwicklungszusammenarbeit bei konfliktbedingten Fluchtkrisen. Die Beschäftigungsoffensive Nahost, ZusammenfassungInstitut oder Körperschaft
[14] Deutscher Bundestag, 08.07.2026
Plenarprotokoll 21/88, Rede Carl-Philipp Sassenrath (CDU/CSU), S. 10831 f.Amtliche Quelle
[15] Deutscher Bundestag, Fraktion der AfD, 07.07.2026
Antrag „Entwicklungshilfe drastisch reduzieren und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung auflösen“, Drucksache 21/6906Amtliche Quelle
[16] Deutscher Bundestag, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, 09.06.2026
Antrag „Humanitäre Hilfe stärken, Völkerrecht verteidigen, international Verantwortung übernehmen“, Drucksache 21/6338Amtliche Quelle
[17] Deutscher Bundestag, Fraktion Die Linke, 04.11.2025
Antrag „Den zweiten UN-Weltgipfel für soziale Entwicklung stark machen – Mehr globale Gerechtigkeit durch Milliardärssteuern“, Drucksache 21/2538Amtliche Quelle
[18] Deutsche Industrie- und Handelskammer, 06.11.2025
DIHK fordert ParadigmenwechselVerband
[19] Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO), 2026
Analyse Bundeshaushaltsentwurf 2027Verband
[20] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Interview mit Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge, Direktorin des German Institute of Development and Sustainability (IDOS), zum ReformplanAmtliche Quelle